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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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heraus— und bei welchen Völkern wären die Schlechten wohl nicht leicht herauszufinden?— aber ſie nehmen die Schlechteſten unter uns als Proben von den Beſten an; ſie laſſen die niedrigſten unter uns als Repräſentanten der Höchſten gelten; und ſie ſagen: ‚Die Juden ſind ein⸗ ander alle gleich.“ Falls ich bei dem, was ich hier zu thun, zufrieden, weil ich dankbar für die Vergangenheit war und jetzt nur wenig des Geldes bedarf, ein Chriſt geweſen, ſo hätte ich es thun können, ohne irgend Je⸗ manden, außer mir ſelber, zu compromittiren. Doch da ich es als Jude that, konnte ich nicht umhin, die Juden aller Stände und aller Länder zu compromittiren. Es iſt dies ein wenig hart für uns, aber es iſt die Wahr⸗ heit. Ich wollte, daß alle Leute dies bedächten! Obgleich ich kaum das Recht habe, dies zu ſagen, da es mir ſelber erſt ſo ſpät klar wurde.“

Die Puppenſchneiderin hielt die Hand des alten Mannes

in der ihrigen und ſchaute ihm nachdenklich in's Geſicht.

„So dachte ich, wie geſagt, als ich an jenem Abend in meinem Garten auf dem Dache ſaß. Und indem ich den ſchmerzlichen Auftritt des Tages vielmal mit mir durchging, ſah ich ſtets, daß der arme Herr die Geſchichte bereitwillig glaubte, weil ich ein Jude war,— daß die Geſchichte dem Erfinder ſelber nur in den Sinn kam, weil ich ein Jude war. Dies war das Reſultat davon,

daß ich Euch alle Drei vor mir gehabt und die Sache Weshalb

wie auf einer Bühne dargeſtellt geſehen hatte. ich die Verpflichtung fühlte, dieſen Dienſt zu verlaſſen. Aber, meine liebe Jenny,“ ſagte Riah, ſich unterbrechend, „ich verſprach, daß Ihr Eure Fragen fortſetzen ſolltet, und ich verhindere ſie.“

„Im Gegentheil, Frau Pathe; meine Idee iſt jetzt ſo groß, wie ein Kürbis— und Du weißt wohl, was ein Kürbis iſt, wie? Du haſt ihm alſo den Dienſt auf⸗ geſagt? Kommt das zunächſt? fragte Miß Jenny mit

einem Blicke angeſtrengter Aufmerkſamkeit.

„Ja, ich habe zu dem Behufe an meinen Herrn ge⸗ ſchrieben.“

„Und was ſagte der wälzende, beißende, ſchreiende, kratzende Schmerzensmann?“ fragte Miß Wren mit einem unausſprechlichen Vergnügen an dem Ausſprechen jenes Ehrentitels und der Erinnerung an den Pfeffer.

„Er hielt mich an gewiſſe Dienſtmonate gebunden, die ihm von Rechtswegen zukommen. Dieſe Friſt iſt morgen verſtrichen. Nachdem dieſelbe abgelaufen ſein würde, hatte ich die Abſicht, mich vor meinem Aſchen⸗ brödelchen zu rechtfertigen, doch nicht früher.“

„Meine Idee wird jetzt ſo groß,“ rief Wiß Wren, die Hände an die Schläfen drückend,„daß mein Kopf ſie nicht zu halten vermag! Höre mich an, Frau Pathe. Ich komme zu einer Auseinanderſetzung. Kleinauge(das iſt der ſchreiende, kratzende Schmerzensmann) hegt einen tiefen Groll gegen Dich dafür, daß Du ihn verläſſeſt. Kleinauge ſchaut ſich nach dem Mittel um, Dich dies entgelten zu laſſen. Kleinauge denkt an Lizzie. Klein⸗ auge ſpricht bei ſich: ‚„Ich will dahinter kommen, was er mit jenem Mädchen angefangen hat, und ich will ſein Geheimniß verrathen, weil ihm daſſelbe theuer iſt.“ Klein⸗ auge denkt vielleicht: ‚Ich will ihr ebenfalls den Hof machen;“ doch das kann ich nicht beſchwören— alles Uebrige will ich beſchwören. Kleinauge kommt alſo zu mir, und ich gehe zu Kleinauge. So verhält ſich die Sache. Und jetzt, da der ganze Mord an's Tageslicht gebracht,“ fügte die Puppenſchneiderin, vor Energie ſtarr an allen Gliedern, hinzu, indem ſie ihre kleine Fauſt vor ihren Augen ſchüttelte,„thut mir's leid, daß ich ihm nicht uynehiſte und gehackten ſpaniſchen Pfeffer gegeben

abe!“

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Da dieſer Ausdruck des Bedauerns nur he lich für Mr. Riah war, erwähnte der al Verletzungen, die Mr. Fledgeby erhalten, und die Nothwendigkeit hin, daß er ſog hi jenen geprügelten Hund zu pflegern. „Frau Pathe, Frau Pathe, Frau Pathe!“ rief Miß Wren gereizt,„ich verliere wirklich alle Geduld über Dich. Man ſollte faſt annehmen, daß Du an den barm⸗ herzigen Samariter glaubteſt. Wie kannſt Du ſo in⸗ conſequent ſein!“..

„Liebe Jenny,“ begann der alte Mann ſanft,„es iſt die Gewohnheit unſeres Volkes, Denen zu helfen—“

„O! Zum Kuckuck mit Eurem Volk!“ unterbrach ihn Miß Wren, den Kopf in den Nacken werfend.„Falls Dein Volk nichts Beſſeres zu thun weiß, als hinzugehen, um Kleinauge zu helfen, ſo iſt es ſchade, daß Dein Volk jemals aus Aegypten geführt ward. Ueberdies würde er Deine Hülfe gar nicht annehmen, falls Du ſie ihm an⸗ böteſt. Schämt ſich zu ſehr. Wünſcht es geheim und Dich aus dem Wege zu halten.“

Sie ſtritten ſich noch über dieſen Punkt, als ein Schatten den Eingang verdunkelte und die Glasthür von einem Boten geöffnet ward, der einen Brief brachte, welcher ohne alle Ceremonie an„Riah“ adreſſirt war

„und auf den, wie der Bote ſagte, eine Antwort erwartet werde. 2

Der Brief, der mit Bleiſtift bergauf, bergab und krumm um die Ecken geſchrieben war, lautete folgender⸗ maßen:

„Alter Riah!

Da Eure Rechnungsbücher völlig in Ordnung ſind, ſo geht. Verſchließt die Expedition, geht augen⸗ blicklich Eurer Wege und ſchickt mir den Schluͤſſel durch den Ueberbringer. Geht. Ihr ſeid ein un⸗ dankbarer Hund von einem Juden. Scheert Euch.

E.*

Die Puppenſchneiderin fand einen hohen Genuß daran,

in der verzerrten Schrift dieſes Briefes die Spuren der

ſchreienden Schmerzen von Kleinauge zu finden. Sie lachte und ſpottete(zum Erſtaunen des Boten) in einem

bequemen Winkel darüber, während der alte Mann ſeine

wenigen Sachen in einen ſchwarzen Beutel packte. So⸗ bald dies geſchehen, die Läden der oberen Fenſter ge⸗

ſchloſſen und die Rouleaux in der Expedition herabge⸗

zogen worden, gingen ſie, von dem Boten begleitet, auf die Hausſtufen hinaus. Dort verſchloß der alte Mann, während Miß Jenny den ſchwarzen Beutel hielt, die Hausthür und übergab den Schlüſſel dem Boten, der ſich ſofort mit demſelben entfernte.

„Nun, Frau Pathe,“ ſagte Miß Wren, als ſie zu⸗ ſammen auf den Stufen ſtanden und einander anſchauten, „Du biſt alſo in die Welt hinausgeſtoßen!“

.„So ſcheint es, Jenny, und zwar ziemlich plötzlich.“

„Wo beabſichtigſt Du Dein Glück zu ſuchen?“ fragte Miß Wren.

Der alte Mann lächelte, ſchaute ſich aber rings um, wie wenn er ſich im Leben verirrt hätte, was der Puppen⸗ ſchneiderin nicht entging.

„Wahrlich, Jenny,“ ſagte er,„die Frage iſt wohl angebracht, und leichter zu thun, als zu beantworten. Doch da ich Erfahrung in dem Wohlwollen und der Hülfsbereitwilligkeit Derer habe, die Lizzie Beſchäftigung gegeben haben, ſo denke ich, daß ich ſie meiner ſelbſt wegen aufſuchen will.“

„Zu Fuße?“ fragte Miß Wren mit einem Kinnrucke.

„Ja wohl!“ ſagte der alte Mann.„Habe ich nicht meinen Stab?“ 3

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