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Miß Jen nach der Küche, fand das Löſchpapier und den Eſſig und ſchnitt geſchickt ſechs große Pflaſter aus, die ſie in Eſſig
tränkte. Als ſie alle fertig auf dem Tiſche lagen, kam ihr, als ſie dieſelben eben aufzunehmen im Begriff war, ein Gedanke.
„Ich denke,“ ſagte Miß Jenny mit einem ſtillen
Lachen,„er ſollte ein wenig Pfeffer darauf haben? Eben
ein paar Körnchen? Ich denke, die Streiche und Ma⸗ nieren des jungen Mannes fordern ein wenig Pfeffer von ſeinen Freunden?“
dem Kaminſimſe erblicken ließ, ſtieg ſie auf einen Stuhl, nahm dieſelbe herunter und beſtreute alle die Pflaſter mit wohl berechnender Hand. Dann kehrte ſie zu Mr. Fledgeby zurück und legte ſie ihm alle auf, während Mr. Fledgeby ein lautes Geheul ausſtieß, als jedes an ſeine Stelle gelegt ward.—
„So, junger Mann!“ ſagte die Puppenſchneiderin. „Jetzt iſt es Ihnen hoffentlich ziemlich behaglich zu Muthe?“
Dies war anſcheinend nicht der Fall, denn Mr. Fled⸗ geby ſchrie zur Antwort:„O—h! wie es beißt!“.
Miß Jenny zog ihm ſein perſiſches Gewand an, zog ihm ſeine perſiſche Mütze ſchief über die Augen und half ihm an's Bett, das er ſtöhnend beſtieg.„Da Geſchäfte zwiſchen Ihnen und mir für heute außer Frage ſind, junger Mann, und meine Zeit überdies koſtbar iſt,“ jagte Miß Jenny darauf,„will ich mich entfernen. Füh⸗ len Sie ſich jetzt behaglich?“
„O, mein Himmel!“ rief Fledgeby.„Nein, das finde ich nicht! O, wie es beißt!“
Das Letzte, was Miß Jenny ſah, als ſie, im Be⸗ griff, die Thür zu ſchließen, in's Zimmer zurückſchaute, war Mr. Fledgeby, der ſich, wie ein Tummler oder Del⸗ phin in ſeinem heimathlichen Elemente, auf ſeinem Bett umherwarf und ⸗wälzte. Dann ſchloß ſie die Thür des Schlafzimmers und alle anderen Thüren, ging hinunter, und nahm, aus dem Albany in die geſchäftigen Straßen hinaustretend, den Omnibus nach Saint Mary Axe, in⸗ dem ſie unterwegs all die ſchön gekleideten Damen, die
ſie durch's Fenſter ſehen konnte, in den Dienſt preßte
und zu unbewußten Muſterfiguren für Puppen benutzte, während ſie dieſelben im Geiſte ausſchnitt und aufheftete.
Aeuntes Capitel. Zwei Stellen werden varant.
An der Ecke von Saint Mary Axe vom Omnibus abgeſetzt und ſich in dieſem Bereiche auf ihre Füße und ihren Krückſtock verlaſſend, begab die Puppenſchneiderin ſich nach dem Geſchäftslocale von Pubſey und Comp. Dort war äußerlich Alles ſonnig und ſtill, und im In⸗ nern Alles ſchattig und ſtill. Wie ſie ſich im Flur
dieſſeits der Glasthür verſteckte, konnte ſie von dieſem
Beobachtungspoſten den alten Mann mit ſeiner Brille ſchreibend an ſeinem Pulte ſitzen ſehen.
„Bohn“ rief die Schneiderin, ihren Kopf zur Glas⸗ thür hineinſteckend.„Mr. Wolf zu Hauſe?“
Der alte Mann nahm ſeine Brille ab und legte die⸗ ſelbe ſanft neben ſich nieder.„Ah, Jenny, ſeid Ihr es? Ich glaubte, Ihr hättet mich aufgegeben?“
begab ſich mit der Scheere in der Hand
zu ſehen, aufgeben. Da Mr. Fledgeby's Unſtern ſie die Pfefferbüchſe auf
„Ict, Jenny ja.“ die Thür, wie wenn er meinte, ſein Principal könne dort zu unrechter Zeit erſcheinen.
„Falls Du Dich vor dem Fuchſe fürchteſt,“ ſagte Miß Jenny,„ſo magſt Du für jetzt alle Hoffnung, jenes Thier Er wird ſich noch manchen Tag nicht außer dem Hauſe zeigen.“
„Was wollt Ihr damit ſagen, mein Kind?“
„Ich will damit ſagen, Frau Pathe,“ erwiderte Miß Wren, ſich neben dem Juden niederſetzend,„daß der
Fuchs eine prachtvolle Tracht Schläge erhalten hat, und
daß, falls ihm nicht in dieſem Augenblicke Haut und Knochen weh thun und brennen und beißen, noch nie einem Fuchſe die Haut weh gethan.“ Darauf erzählte Miß Jenny, was ſich im Albany zugetragen, ohne jedoch der Pfefferkörnchen Erwähnung zu thun.
„Und jetzt, Frau Pathe,“ fuhr ſie fort,„möchte ich Dich ganz ausdrücklich fragen, was ſich hier zugetragen, ſeitdem ich den Wolf hier verließ? Denn es rollt mir eine Idee von der Größe einer Erbſe in meinem kleinen Kopfe herum. Vor Allem, biſt Du Pubſey und Comp., oder biſt Du Eins von Beiden? Auf Dein feierliches Ehrenwort!“
Der alte Mann ſchüttelte den Kopf.
„Zweitens: Iſt nicht Fledgeby ſowohl Pubſey als Compagnie?“
Der alte Mann antwortete mit einem widerſtrebenden Kopfnicken.
„Meine Idee,“ ſagte Miß Wren,„iſt jetzt ungefähr von der Größe einer Apfelſine. Doch ehe ſie noch
größer wird, laß Dich zurückbewillkommnen, Du liebe
alte Pathe!“
Das kleine Weſen ſchlang mit großer Ernſtlichkeit die Arme um den Nacken des alten Mannes und küßte ihn.„Ich bitte Dich demüthiglich um Vergebung, Frau Pathe. Es thut mir aufrichtig leid. Ich hätte mehr Zutrauen in Dich ſetzen ſollen. Aber was konnte ich denken, daß Du nichts zu Deiner Entſchuldigung ſagteſt, weißt Du? Ich will mich damit nicht rechtfertigen, aber was konnte ich wohl denken, da Du zu Allem ſchwiegſt, was er ſagte? Es ſah garſtig aus, nicht wahr?“
„Es ſah ſo garſtig aus, Jenny,“ erwiderte der alte Mann mit großem Ernſt,„daß ich Euch ſofort erzählen will, welche Wirkung es auf mich hervorbrachte. Ich war mir ſelber verhaßt. Ich war, indem ich dem Schuldner und Dir ſo haſſenswerth erſchien, mir ſelber verhaßt. Aber, was noch mehr und ſchlimmer iſt, und um ganz von mir ſelber abzuſehen— ich ſann an jenem Abend, als ich in meinem Garten auf dem Dache ſaß, nach und kam zu der Ueberzeugung, daß ich meinem alten Glauben und Geſchlechte Unehre mache. Ich ſah zum erſten Male deutlich ein, daß ich, indem ich meinen Nacken unter dem Joche beugte, das ich zu tragen bereit war, das ganze jüdiſche Volk, gegen ſeinen Willen, ſich dieſem Joche unter⸗ werfen machte. Denn es iſt in chriſtlichen Ländern mit den Juden nicht, wie mit andern Leuten. Die Leute ſagen:„Dies iſt ein ſchlechter Grieche, aber es giebt gute Griechen. Dies iſt ein ſchlechter Türke, aber es giebt gute Türken.“ Nicht ſo, wenn ſie von den Juden reden. Die Leute finden die Schlechten unter uns leicht genug


