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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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kommen. Kleinauge und der Wolf mit einander im Bündniſſe? Kann nicht dahinter kommen. Meine arme

Lizzie, haben ſie Beide auf ihre Art Anſchläge gegen Dich im Sinne? Kann nicht dahinter kommen. Iſt Kleinauge Pubſey und der Wolf Compagnie? Kann nicht dahinter kommen. Iſt Pubſey der Compagnie und Compagnie dem Pubſey getreu? Oder Pubſey falſch gegen Compagnie und Compagnie falſch gegen Pubſey? Kann nicht dahinter kommen. Doch wie's immer ſei, er iſt ein Lügner. Das iſt Alles, was ich bis jetzt klar ſehen kann. Aber Du magſt Dich im Albany, Piccadilly ſchlafen legen, junger Mann, und das zu Deinem Kiſſen nehmen!“ Dabei that die kleine Schneiderin abermals zwei Stiche nach ſeinen Augen und ſchien ihn, indem ſie mit ihrem Faden in der Luft eine Schlinge machte, durch die ſie geſchickt mit ihrer Nadel hindurch fuhr und ſo einen feſten Knoten zog, außerdem noch zu erwürgen. Für die Schrecken, die an dieſem Abend von Mr. Puppen erlitten wurden, als ſeine kleine Mutter tief ſinnend bei ihrer Arbeit ſaß, und er ſich jedesmal, wo ſie ihre Stellung veränderte oder ihre Blicke auf ihn warf, von ihr entdeckt wähnte, giebt es keine Beſchreibung. Ueberdies hatte ſie die Gewohnheit, jedesmal, wenn ihr Auge dem ſeinigen begegnete, ihren Kopf gegen den elen⸗ den alten Knaben zu ſchütteln, während dieſer zitterte und bebte. Er ward an dieſem Abend von heftigen Fieberſchauern geſchüttelt und ſein Zuſtand nicht ſehr da⸗ durch verbeſſert, daß er häufig mit reuiger Miene„ſechs⸗ zigmal für drei Pfennige Rum“ ſtöhnte. Da dieſer un⸗ vollſtändige Satz als Bekenntniß durchaus nicht verſtänd⸗ lich war, ſondern vielmehr wie eine Gargantuaniſche Ordre auf Schnaps klang, gerieth er durch denſelben in neue Mißhelligkeiten, indem ſeine Mutter ihn biſſiger denn je

anfuhr und ihn mit bitteren Vorwürfen überſchüttete.

Ein unangenehmer Abend für Mr. Puppen konnte nicht anders als unangenehm für die Puppenſchneiderein ſein. Sie war indeſſen am nächſten Morgen friſch und munter und fuhr nach Bond Street, wo ſie pünktlich die beiden Damen abſetzte, und ließ ſich dann von ihrer Equipage nach dem Albany bringen. An der Thür des Hauſes angelangt, in dem Mr. Fledgeby's Junggeſellen⸗ Wohnung gelegen worſgf ſie auf der Schwelle der⸗ ſelben eine Dame in ekleidern vor, die— von allen Gegenſtänden in der Welt— einen Herrenhut in der Hand hielt.

„Sie ſuchen Jemanden?“ fragte die Dame mit ſtren⸗ gem Weſen.

„Ich gehe zu Mr. Fledgeby hinauf.“

„Das können Sie in dieſem Augenblicke nicht. Es iſt ein Herr bei ihm. Ich warte auf den Herrn. Sein Geſchäft bei Mr. Fledgeby wird bald abgemacht ſein, und dann können Sie hinaufgehen. Bis der Herr her⸗ unter kommt, müſſen Sie hier warten.“

Während ſie ſprach und nachdem ſie geſprochen, ſtellte die Dame ſich wachſam zwiſchen ſie und die Treppe, wie wenn ſie bereit ſei, ſich ihrem etwaigen gewaltſamen Ein⸗ dringen zu widerſetzen. Da die Dame von einer Statur war, daß ſie die Schneiderin mit einer Hand feſthalten konnte, und überdies außerordentlich entſchloſſen ausſah, ſtand Letztere ſtill.

„Nun? Warum lauſchen Sie?“ fragte die Dame.

„Ich lauſche nicht,“ ſagte die Schneiderin.

„Was hören Sie?“ ſagte die Dame, ihre Frage in andere Worte kleidend.

„Iſt es eine Art von Geplätſcher, das ich irgendwo

höre?“ ſagte die Schneiderin mit einem fragenden Blicke. „Mr. Fledgeby vielleicht in ſeinem Regenbade,“ be⸗ merkte die Dame lächelnd.

*

„Und es klopft Jemand den Teppich aus, wie mir ſcheint?“

„Wahrſcheinlich Mr. Fledgeby's Teppich,“ erwiderte die lächelnde Dame.

Miß Wren hatte einen ziemlich guten Blick für ein Lächeln, da ſie bei ihren jungen Freunden ſehr an daſſelbe gewöhnt, obgleich deren Lächeln meiſtens von kleinerer Beſchaffenheit war. Aber ſie hatte nie ein ſo merkwür⸗ diges Lächeln geſehen, wie das im Geſichte dieſer Dame. Daſſelbe öffnete ihre Nüſtern in einer erſtaunlichen Weiſe, und verzog ihre Lippen und Augenbrauen. Es war deſſenungeachtet ein Lächeln der Freude, doch von einer ſo wüthenden Art von Freude, daß Miß Wren dachte, ſie möchte ſich lieber gar nicht freuen, als es in ſolcher Weiſe thun.

„Nun!“ ſagte die Dame, ſie beobachtend. jetzt?“

„Ich hoffe— es geſchieht doch nicht etwa ein Un⸗ glück!“ ſagte die Schneiderin.

„Wo?“ fragte die Dame.

„Ich weiß nicht, wo,“ ſagte Miß Wren, ſich rings umſchauend.„Aber ich habe in meinem Leben kein ſo merkwürdiges Getöſe gehört. Meinen Sie nicht, daß ich lieber Jemanden rufen ſollte?“

„Ich denke, daß Sie das lieber bleiben laſſen,“ er⸗ widerte die Dame mit einem bedeutungsvollen Stirn⸗ runzeln und indem ſie näher an ſie herantrat.

Auf dieſen Wink gab die Schneiderin den Gedanken auf und ſtand die Dame anſchauend da, wie die Dame ſie anſchaute. Inzwiſchen lauſchte die Schneiderin mit Staunen dem merkwürdigen Getöſe, das noch immer fortfuhr, und die Dame lauſchte ebenfalls, doch mit einer Ruhe, in der keine Spur von Staunen lag.

Bald darauf ward ein heftiges Thürzuſchlagen ge⸗ hört; und dann kam ein Herr die Treppe herunter⸗ gelaufen, ein Herr mit einem Backenbarte und außer Athem, der glühend heiß zu ſein ſchien.

„Iſt Dein Geſchäft abgemacht, Alfred?“ fragte die Dame.

„Sehr gründlich abgemacht,“ erwiderte der Herr, in⸗ dem er ihr den Hut abnahm.

„Sie können jetzt zu Mr. Fledgeby hinaufgehen, ſo⸗ bald es Ihnen beliebt,“ ſagte die Dame, hochmüthig aus dem Wege gehend.

„O! Und Sie können dieſe drei Stücke eines Stocks mitnehmen,“ fügte der Herr höflich hinzu,„und ſagen, dieſelben kommen von Mr. Alfred Lammle, mit ſeiner Empfehlung, da er England verläßt. Mr. Alfred Lammle. Haben Sie die Güte, den Namen nicht zu vergeſſen.“

Die drei Stücke waren drei zerbrochene und zerfetzte Bruchſtücke eines ſtarken und geſchmeidigen Rohrſtocks.

„Was

Miß Jenny empfing dieſelben mit Verwunderung, und g g

der Herr wiederholte mit einem grinſenden Lächeln: „Mr. Alfred Lammle, wenn Sie die Güte haben wollen. Seine Empfehlung, da er England verläßt,“ worauf die Dame und der Herr ganz gelaſſen fortgingen und Miß Jenny und ihre Krücke ſich die Treppe hinauf, verfügten. „Lammle, Lammle, Lammle?“ wiederholte Miß Jenny, indem ſie von einer Treppe zur anderen keuchte,„wo habe ich den Namen gehört? Lammle, Lammle? Ich weiß! Saint Mary Axe!“

Mit einem Strahle neuen Verſtändniſſes in ihrem klugen Geſicht, zog die Puppenſchneiderin an Mr. Fled⸗ geby's Klingel. Niemand antwortete; doch aus dem Innern der Junggeſellenwohnung drang ein fortwähren⸗ des plätſcherndes Geräuſch von höchſt eigenthümlicher und unbegreiflicher Beſchaffenheit zu ihr.