achtet ſeiner eifrigen Blicke in's Waſſer augen gewahr wurde;„ich ſehe nichts ſchwimmen.“
Das rothe Licht war verſchwunden, das Schaudern war vorüber und ſein eifriger Blick, den er auf einen Augenblick dem Innern des Bootes zugewendet, wanderte wieder hinaus. So wie die ſtarke Strömung ein Hinder⸗ niß traf, da war ſofort ſein ſuchender Blic auf die Stelle geheftet. Auf jede Ankerkette, jedes Ankertau, auf jedes ruhig daliegende Boot, das die herabkommende Fluth in einen breiten Pfeil ſpaltete, auf die Landungs⸗ planken des Dammes der Southwark⸗Brücke, auf die Ruderräder der Dampfboote, welche das ſchmutzige Waſſer peitſchten, auf die ſchwimmenden Holzſcheite, die vor gewiſſen Werften lagen— ſchoſſen ſeine funkelnden Augen ihre gierigen Blicke. Etwa nach einer Stunde, während welcher es bedeutend finſterer geworden, zog er plötzlich die Ruderleinen feſt an und ſteuerte ſcharf auf das Ufer von Surrey zu.
Das Mädchen, welches unausgeſetzt ſein Geſicht beob⸗ achtete, folgte der Bewegung augenblicklich mit ihrem Ruder; nach wenigen Augenblicken machte das Boot eine Schwenkung, wobei es wie von einem plötzlichen An⸗ ſtoßen erzitterte, und der Mann lehnte ſich mit dem Oberkörper weit über das Hintertheil des Bootes hinaus.
Das Mädchen zog die Kappe ihres Mantels über
ihren Kopf und ihr Geſicht und hielt, indem ſie den Kopf zurückwandte, ſo daß die vorderen Falten dieſer
Kappe flußabwärts gewendet waren, das Boot in dieſer Richtung gerade vor die Strömung. Bisher hatte das Boot kaum gearbeitet, ſondern vielmehr auf einer Stelle hin⸗ und hergeſchwebt; doch jetzt wechſelten die Ufer ſchnell,— die tiefen Schatten und die hellen Gaslaternen der London⸗Brücke lagen bald hinter dem Boote und die dichten Reihen von Schiffen zu beiden Seiten.
Erſt jetzt kehrte die obere Hälfte des Mannes in das Boot zurück. Seine Arme waren naß und ſchmutzig und er wuſch dieſelben über der Bootsſeite. Er hielt Etwas in dersrechten Hand, und auch dies wuſch er im Fluſſe. Es war Geld. Er klimperte damit, blies dar⸗ auf und ſpie einmal darauf—„für Glück,“ ſagte er mit heiſerer Stimme, ehe er es in die Taſche ſteckte.
„Lizzie!“
Das Mädchen wandte ihm, heftig zuſammenzuckend, das Geſicht zu und ruderte ſchweigend fort. Ihr Geſicht war ſehr bleich. Er war ein Mann mit einer gebogenen Naſe, und dieſe, im Verein mit ſeinen ſtechenden Augen und ſeinem ſtruppigen Kopfe, verlieh ihm eine gewiſſe Aehnlichkeit mit einem aufgejagten Raubvogel.
„Nimm das Dings da aus dem Geſicht.“
Sie warf die Kappe zurück.
„So! und gieb mir das Ruder. Ende rudern.
„Nein, nein, Vater! Nein! Ich kann's nicht. Vater! — Ich kann nicht ſo nahe daran ſitzen!“
Er näherte ſich ihr, um den Platz mit ihr zu ver— tauſchen, doch ihre entſetzensvolle Weigerung bewog ihn, wieder zu ſeinem Sitze zurückzukehren.
„Was kann es Dir anhaben?“
„Nichts, nichts. Aber ich kann's nicht.“
„Ich glaube wahrlich, daß Dir ſchon der bloße An⸗ blick des Fluſſes verhaßt iſt.“
„Ich— ich habe ihn nicht gern, Vater.“
„Als ob er nicht Dein täglich Brod wäre! er nicht Speiſ' und Trank für Dich wäre!“
Bei dieſen Worten ſchauderte das Mädchen abermals und hielt einen Augenblick im Rudern inne, dem An⸗ ſcheine nach einer Ohnmacht nahe. Doch entging ihm dies, da er eben über das Hintertheil des Bootes zu
A
Ich will dies letzte
Als ob
hatte.
„Wie kannſt Du gegen Deinen beſten Freund ſo un⸗ dankbar ſein, Lizzie? Sogar das Feuer, das Dich wärmte, als Du noch ein kleines Kindchen warſt, war neben den Kohlenſchiffen aus dem Fluſſe gefiſcht worden. Selbſt der Korb, in dem Du ſchliefſt, war von der Fluth an's Ufer geſpült, und die Wiegenhölzer aus einem Stück Holz geſchnitzt worden, das von irgend einem Schiffe in's Waſſer gefallen und von mir aufgefiſcht war.“
Lizzie nahm die rechte Hand vom Ruder, berührte dieſelbe mit den Lippen und ſtreckte ſie einen Augenblick liebevoll ihrem Vater entgegen; dann nahm ſie, ohne ein Wort, ihre Beſchäftigung wieder auf, da in dem⸗ ſelben Augenblicke ein dem ihrigen ähnliches, obgleich etwas minder unſauberes Boot, aus einer dunklen Stelle herkam und leiſe zu ihnen heranruderte.
„Habt wieder Glück gehabt, Gaffer? ſagte ein Mann mit ſchielendem Blicke, der allein im Boote ruderte. „Ich ſah ſchon in Eurem Fahrwaſſer, daß ihr wieder Glück gehabt.“
„Ahl⸗ erwiderte der Andere trocken.„Da ſeid Ihr alſo, wie?“
„Ja, Compagnon.“ 1
Der Mond warf jetzt ein ſanftes gelbliches Licht auf den Neuangekommenen, der mit ſeinem Fahrzeuge eine halbe Bootslänge hinter dem andern zurückblieb und auf⸗ merkſam in deſſen Fahrwaſſer ſchaute.
„So wie ich Euch gewahr wurde,“ fuhr der Mann fort,„ſagt' ich zu mir ſelber, dort iſt Gaffer— und hat wieder Glück gehabt— hol' mich der Henker, wenn er nicht wieder Glück gehabt hat! Mein Ruder iſt Euch nicht im Wege, Compagnon— habt keine Sorge— ich habe ihn nicht angerührt.“ Dies galt als Antwort auf eine ſchnelle ungeduldige Geberde von Gaffer's Seite: der Sprechende nahm zu gleicher Zeit ſein Ruder auf jener Seite aus dem Waſſer, legte ſeine Hand auf den Rand von Gaffer's Bord und hielt an demſelben feſt.
„Er hat ſchon genug gehabt und bedarf keines fer⸗ neren Anrührens, Gaffer, ſoviel ich von ihm ſehen kann! Iſt von einer ziemlichen Anzahl verſchiedener Wogen um⸗ hergeworfen worden, wie, Compagnon? Aber dies iſt wieder mein erbärmliches Glück, ſeht Ihr wohl! Er muß an mir vorbeigekommen ſein, als er das letzte Mal her⸗ aufkam, denn ich lag unterhalb der Brücke auf der Lauer. Ich möchte faſt glauben, daß Ihr eine Art Geier ſeid, Compagnon, und ſie auswittert.“
Er ſprach mit leiſer Stimme und mehr als einem Blick auf Lizzie, die wieder ihre Kappe heraufgezogen hatte. Dann ſchauten beide Männer mit einem grauſigen, unſeligen Intereſſe in das Fahrwaſſer von Gaffer's Boot.
„s' iſt leicht gemacht, wenn wir Beide Hand anlegen, Compagnon. Soll ich ihn an Bord nehmen?“
„Nein,“ ſagte der Andere, und zwar in ſo verdrieß⸗ lichem Tone, daß der Mann, nachdem er ihn erſtaunt angeſtiert, entgegnete:
„— Ihr habt doch nicht etwa irgend etwas genoſſen,
das Euch nicht bekommen, Compagnon?“
„Ei nun,— ja,“ erwiderte Gaffer,„ich habe das
Wort„Compagnon“ zu oft verſchlucken müſſen. Ich bin
nicht Euer Compagnon.“ 3
„Seit wann ſind Ew. Gnaden, Gaffer Hexam, nicht mehr mein Compagnon?“
„Seit Ihr angeklagt wart, einen Mann beſtohlen zu haben. Einen lebendigen Mann,“ ſagte großer Entrüſtung.
„Und wie wär's, falls ich angeklagt geweſen, einen Todten beſtohlen zu haben, Gaffer?“
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