glaubteu deine Aeltern todt, aber ſie leben. Was geſchehen iſt, iſt gut; was geſchehen ſoll, beſſer. Komm, meine Schweſter, ein gerader Pfad liegt vor uns.“.
Conanchet winkte bei dieſen Worten der Jungfrau und ſchritt ihr voran. Bald ſtand er mit ſeiner Begleiterin den Gefangenen gegenüber, ließ die letztere einige Schritte hinter ſich, trat in den Kreis, faßte die vor Gram und Kummer gebeugte Gattin Contents unter den Arm, führte ſie vorwärts, und ſtellte ſie der Jungfrau gegenüber.
„Seht,“ ſagte er in engliſcher Sprache, waͤhrend, trotz ſeines nach Kriegerſitte bemalten Geſichts, eine tiefe Ruͤhrung in ſeinen Zuͤgen ſich ausdrückte,—„ſeht, der große Geiſt meint es gut; was er gethan, kann kein Narraganſett und kein Thengih ändern. Dieſe hier,“ ſetzte er hinzu, indem er mit den Finger leicht die Schulter Ruths berührte,—„dieſe iſt der weiße Vogel, der über das Meer gekommen iſt, und dieſe,“— auf die Jungfrau deutend,— „dieſe iſt das Junge, ſo er unter ſeinen Flügeln erwärmte.“«
Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſchlug Conanchet die Arme auf ſeiner Bruſt über einander, und nahm eine Stellung an, als ob er ſich mit ganzer Kraft gegen den Auftritt rüſten wolle, der nun nothwendiger Weiſe folgen mußte. Denn es hätte ſeiner Würde als Häuptling eines tapferen Volkes Nachtheil gethan, wenn er ſich von ſeinen Gefühlen zu ſichtbaren Zeichen der Rührung hätte hinreißen laſſen.
Den Gefangenen blieb mittlerweile der Sinn des ganzen Auf⸗ tritts, deſſen Zeuge ſie waren, ein Geheimniß. Es hatten ſich an dieſem Tage ihrem Blicke in raſcher Abwechſelung ſo viele ſeltſame und wilde Geſtalten gezeigt, daß Eine mehr oder minder ihre Auf⸗ merkſamkeit kaum zu feſſeln vermogte. Ruth aber ſah ſich plötzlich durch die auffallenden Geberden und Worte Conanchets aus ihren traurigen Empfindungen herausgeriſſen. Eine Ahnung der Wirklich⸗ keit ſtieg in ihrer Seele auf, und ſie richtete ihre Augen lcüge, ernſt, und mit einem Ausdruck, der mit jedem wechſelnden Gefühle ihres Herzens ebenfalls wechſelte, auf die fremde Jungfrau. Mit beiden Armen hielt ſie dieſelbe von ſich, und ſchien völlig ungewiß, ob ſie
ſie los laſſen, oder ihre zarte Geſtalt an ihr Herz drücken ſollte.
In ihrer Erinnerung lebte noch die kleine, zarte Geſtalt eines Kindes von noch nicht acht Jahren, und jetzt ſah ſie plötzlich eine erwachſene Jungfrau vor ſich, die ſo wenig zu dem Bilde paßte, welches vor ihrem inneren Auge ſchwebte.


