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Luiſe den Wunſch aus, daß er ihr eine Kleinigkeit aus der oberſten Sekretärſchublade im innern Zimmer bringen ſollte. William kehrte ſogleich Alles, was in der erſten und zweiten Schublade war, zu unterſt und zu oberſt. Da er aber das Begehrte nicht fand, ſteckte er den Schlüſſel in die dritte und zog ſie ſchnell heraus, ohne jedoch zu ſuchen. S
„Was ums Himmels willen, meine Geliebte, iſt das?“ fragte er verwundert, nachdem er die reine Serviette hinweg gehoben hatte, und wandte ſich der Thüre zu gegen ſeine Frau.„Was thuſt Du mit den Lumpen da?“
Marie Luiſe winkte ihn zu ſich und William ſtand ſogleich am Sopha, mit einem alten fleckigen Bom⸗ baſſinkleid in der einen und einem grauſchwarzen ab⸗ getragenen Shawl in der andern Hand; dabei blickte er aber mit unausſprechlicher Zärtlichkeit auf ſein ver⸗ göttertes Weib, denn er fing jetzt an, das wahre Ver⸗ hältniß zu ahnen.
„Dieſe Lumpen, wie Du ſie nennſt, mein Wil⸗ liam,“ ſprach ſie mit inniger Rührung,„habe ich ein⸗ mal als Gnadengeſchenke zugeſendet bekommen, als ich von Allem entblößt hieher zurückkehrte. Der Tag, wo ich ſie empfing, war vielleicht der demüthigendſte in meinem Leben; aber als Erinnerung an ihn und um einen ſo wohlthätigen Vergleich ſtets vor Augen zu haben, habe ich dieſen Sachen in demſelben Schranke einen Platz eingeräumt, wo ich den Putz verwahre, den Du an mich verſchwendeſt; und wenn ich mich je einmal zum Hochmuth oder Stolz verſucht fühle, ſo ziehe ich ſogleich dieſe Schublade heraus, die mehr Berediſamkeit für mich enthält, als alle Predigten. Ich werde ſie dereinſt meiner Tochter zeigen, theurer William, und ich hoffe, daß die Moral, die in dieſen alten Fetzen liegt, ſie vor den Fehlern ihrer Mutter bewahren ſoll.“


