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ſie wegen ihres freundlichen Weſens ſehr gewogen war, zeigte ſich ihr ganz unerwartet in einem andern Lichte⸗ Schon ſeit mehreren Tagen hatte ſie bemerkt, daß das junge Mädchen ſtill und in ſich gekehrt ſei. Viel⸗ leicht war das nur eine vorübergehende Verſtimmung; aber daß dieſe doch tiefer, gleichſam im Innerſten ihrer Seele gebettet liegen müſſe, das ſah ſie an den Spuren von Thränen, die Anna vergebens zu verbergen ſtrebte.
Welcher Wurm konnte an dieſem jungen Mädchen⸗ herzen nagen? Sie fühlte ſich gedrungen, offen mit ihr darüber zu ſprechen. Von ihrem den Garten über⸗ ſchauenden Fenſter aus hatte ſie ſie auf einer Bank ſitzend erblickt, das Geſicht in die aufgehobenen Hände gedrückt.
„Hat ſie denn gar ſo großen Kummer?“ fragte ſich die hohe Frau.„Es muß ſo ſein, und doch wüßte ich keinen. Der, den ſie liebt, iſt hier in ihrer Nähe, ſie ſieht ihn oder kann ihn wenigſtens jeden Tag ſehen. Der Doctor iſt ein gebildeter, liebenswürdiger Mann, den ſeine Neigung ihr nachgezogen. Liebeskummer, der oft als ſchwerer Alp Mädchenherzen bedrückt, kann es alſo nicht ſein. Was iſt es aber dann?“
Jetzt ſah die Fürſtin den Doctor, welcher ſich zu dieſer Vormittagszeit gewöhnlich im Schloſſe ein⸗


