Teil eines Werkes 
1 (1870)
Entstehung
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Schmerz iſt, zu wiſſen, daß ein geliebter Mann uns ver⸗ geſſen und in einer Andern ſein Idol gefunden hat, ſprach Zephanja.Ihr Schmerz dagegen iſt ein im Uebermuthe ſelbſt gemachter, darum iſt er nichts werth. Werfe Sie ihn beiſeite, weil er Sie vergiftet.

Das Ungewöhnliche, Unerwartete, die Ciſelirerin in olchen Eifer gerathen zu ſehen und aus ihrem Munde o ernſte Mahnung zu hören, hatte ſeine Wirkung auf Elſe nicht verfehlt. Sie war aufrichtig genug, ſich ſelbſt zu bekennen, daß ihre Eiferſucht auf nichts fuße, und ſie ſann, während ſie die Treppe hinunterſtieg, nach, wie es möglich ſei, ſich mit Jürg, ohne ſich etwas zu ver⸗ geben, wieder zu verſöhnen. Bei alledem tauchte aber noch ein anderes Denken in ihr auf. Sie hatte einen Einblick in Zephanja's Schickſal gethan. Wie hatte deren Auge in feuchtem Glanz geſchwommen, wie ihre Stimme gebebt, als ſie von dem Schmerze ſprach, wenn ein geliebter Mann das Herz, das ihm treu anhing, vergeſſen und in einer Andern ſein Idol gefunden habe! Den Schmerz mußte ſie ſelbſt erlitten haben, das mußte der Ausdruck der Wahrheit ſein, nicht ein leeres Reden. Jetzt wußte Elſe, warum Zephanja ſo ſtill und zurückgezogen lebe; über ihren Liebesfrühling war ein tödtender Froſt hin⸗ gezogen und hatte den Blütenreichthum ihrer Seele ver⸗ nichtet. Und darum war ſie gewiß auch ſo weit von zu