231
„Du biſt eine wunderbare Frau, meine theuere Mutter,“ ſagte Kepler erſtaunt und gerührt, als er wahrgenommen, mit welchem Intereſſe Apollonia den Verſuch gemacht, ſich einer Wiſſenſchaft zu bemäch⸗ tigen, die ſelbſt für einen gelehrten Mann ſo große Schwierigkeiten darbietet..
„Ich habe niemanden auf der Welt als Dich, Johannes,“ entgegnete ſie milde,„da zieht mich das Herz zu dem Verſuche, die Wege zu wandeln, die Dein jugendlicher Fuß betritt; auch weißt Du es ja, daß ich mich von Kindheit an mit Dingen beſchäf⸗ tigen mußte, die andere Frauen nicht treiben.
„Die alte Frau, deren furchtbares Ende jede Unthat ihres wüſten Lebens geſühnt hat, lehrte mich Latein, als ich noch ein Kind war; ſie bedurfte zu ihren betrügeriſchen Kunſtſtücken ſo mancher reellen Kenntniß und vieler nützlichen Geſchicklichkeiten, und es war ihr ebenſo wahrer als ſchlecht angewendeter Grundſatz, daß jede Wiſſenſchaft nützlich und keine einzige ſündlich ſei. Ich habe in einem Alter, wo andere Kinder noch vor dem Eſſenkehrer zittern, gelacht über die Furcht vor den Hexereien meiner Erzieherin, die ich ſelbſt verrichten half.— Wiſſen darf, ja ſoll der denkende Menſch ſoviel als möglich, das Wiſſen iſt ein Beſitz, es iſt auch wie das Gold,


