107
Lionel.—„Ich möchte eher glauben, von der wirklichen Tiefe des Intereſſes— von der wahren Schönheit der—“
Vance leinfallend).—„Heldin?— Ganz und gar nicht, Lionel. Ich verliebte mich einmal— ſo unglaublich es Euch ſcheinen mag— im Januar waren es neun Jahre. Ich war damals zu arm um nach der Hand irgend einer jungen Lady ſtreben zu können— deßhalb ſagte ich meine Liebe nicht, ſondern ſchwieg und verſchluckte ſie. Sie ging mit ihrer Mama auf den Continent, um dort ihre Erziehung zu voll⸗ enden. Ich blieb, ein leibhaftiges Bild der Geduld, zuruck. Sie ſtand mir beſtändig vor Augen— das ſchmächtigſte, ſchüchternſte Geſchöpf, juſt achtzehn. Ich hatte nie eine Idee davon, daß ſie älter, weniger ſchlank oder weniger ſchüchtern werden könnte. Nun gut, vier Jahre ſpäter(juſt bevor wir unſern Ausflug nach Surrey machten, Lionel) kehrte ſie nach England zuruck und war noch unverheirathet. Ich ging in eine Geſellſchaft, wo ich wußte daß ich ſie treffen würde— ich ſah ſie und war kurirt.“
„Garſtige Blatternarben oder was?“ fragte der Oberſt lächelnd.
Vance.—„Nein; Jedermann ſagte, ſie habe ſich noch unge⸗ mein verſchönert— dieß war das Ungluck— ſie hatte ſich uber meine Phantaſte hinaus verſchönert. Ich war dem einmal feſtgeſetzten Eindruck treu wie Wachs geweſen und als ich eine feine, vollgeformte, franzö⸗ ſirte junge Lady ſah die ſich ganz ungezwungen bewegte, mit Lorgnette und Blumenſtrauß bewaffnet war und ſech nach jeder Richtung geltend zu machen wußte, da verſchwand mein Traum von dem ſchmächtigen erröthenden Mägdlein. Der Oberſt hat vollkommen Recht, Lionel; iſt die Romanze einmal unterbrochen, ſo iſt dies eine quälende Er⸗ innerung, bis ſie uns wieder in den Weg geworfen wird; aber eine vollſtändige Enttäuſchung entſteht, wenn wir ſie von Neuem zu leſen verſuchen, obſchon ich ſchwöre, daß in meinem Fall das Intereſſe tief und die Heldin noch ſchöner geworden war. So verhält es ſich mit Euch und dieſem lieben Geſchöpfchen. Sehet ſie wieder, ſo werdet Ihr 8*


