13 dem Tropfen Galle, welcher die Geſchichte würzen ſollte, ſo brach die Milch menſchlicher Herzensgüte wider ſeinen Willen durch und ſchwemmte ihn hinweg. Er war ein ſchönes Wrack, das ein wenig zu frühe an dem aus⸗ ſchweifenden Leben geſcheitert hatte, deßhalb aber gerade vielleicht um ſo anziehenver wurde; ſein ſchlanker Wuchs hatte etwas von dem jovialen, altengliſchen Umfange, und auf ſeinem Geſichte vermiſchten ſich die heiteren Strahlen der Gutmüthigkeit und des Wohllebens. In ſeinem Anzuge war er um zwanzig Jahre zurück und höchſt eigen in der Wahl ſeiner ſeidenen Strümpfe. Unter uns geſagt, er that ſich nicht wenig auf ſein Bein zu Gute, und ein Lobſpruch auf dieſes durfte einer freundlichen Aufnahme ſtets gewiß ſein.
Die Einſamkeit in dem Haushalte meines Oheimes wurde durch den Einfall von drei Knaben, die nicht zu den ruhigſten gehörten, unterbrochen; ihre Mutter, die Sanſteſte und Ernſteſte ihres Geſchlechtes, ſchien ihnen als ein Sinnbild jener uranfänglichen Stille zu folgen, aus welcher alles Geräuſch geboren wurde. Dieſe drei Knaben waren meine beiden Brüder und ich. Mein Vater, der eine ſtarke perſoͤnliche Zuneigung zu Lud⸗ wig XIV. gefaßt hatte, trat nie aus deſſen Dienſten, und der große König belohnte ihn durch Orden und zahlloſe Gunſtbezeigungen; er ſtarb an den Wunden, die er in einer Schlacht erhalten— als Graf und Marſchall, reich an Ruhm, arm an Geld. Er hatte ſich zweimal
verheirathet; ſeine erſte Frau, welche kinderlos ſtarb, war eine Tochter aus dem edeln Hauſe La Tremouille— ſeine zweite, unſert Mutter, ſtammte von einem jüngeren


