Teil eines Werkes 
12.-17. Bändchen (1853)
Entstehung
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Civiliſation vervielfältigt ſeine Schattirungen, während ſie zugleich die Bemäntelung begünſtigt. Denn die Civiliſation vermehrt die Zahl der widerſtreitenden Intereſſen und die Verfeinerung macht das zarte Häutlein Selbſtliebe nur um ſo empfindlicher ſelbſt gegen die leichteſte Reizung. Der Haß aber ſchlüpft auf Katzenpfötchen hervor aus irgend einem ſelbſtſüchtigen Intereſſe, dem wir in den Weg gekommen ſind, aus einer Eigenliebe, die wir verletzten, und wir Ein⸗ faltspinſel haben ſo oft nicht einmal eine Ahnung von un⸗ ſerer Verfehlung. Du kannſt gehaßt werden von einem Mann, den du in deinem Leben nie geſehen haſt, eben⸗ſo gut aber auch von dem, welchen du mit Wohlthaten über⸗ häufteſt. Du hüteſt dich vielleicht auf deinen Wegen, auch nur ein Würmchen zu kränken, mußt aber feſt in deinem Lehnſtuhl ſitzen bleiben, bis man dich in der Bahre hinaus⸗ trägt, wenn du ſicher davor ſeyn willſt, nicht auf eine Schlange von Feind zu treten. Doch, wenn es ſo iſt, was kann uns der Haß anhaben? Sehr oft bleiben ſeine Wirkungen vor der Welt ebenſo verborgen, als wir von ſeinem Vorhanden⸗ ſeyn keine Ahnung beſitzen. Aber möglich, daß er uns un⸗ verſehens trifft auf einem Nebenpfade unſeres Lebens, daß er hineingreift in das Geheimniß des Familienbands, daß er eine ſüße Hoffnung vereitelt, die wir keiner Seele ver⸗ traut haben; denn in dem Angenblick, in welchem die Welt wahrnimmt, daß es der Haß iſt, welcher uns verfolgt, ſo hat er auch ſeinen ſchlimmſten Stachel verloren.

Wir haben vielerlei Namen für dieſelbe Leidenſchaft Neid, Eiferſucht, Verachtung, Vorurtheil, Nebenhuh⸗

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