Teil eines Werkes 
6.-11. Bändchen (1853)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1427

und die Jahre, welche ſie in derſelben vergeudet hatte, ſchienen vor ihren Augen wie Nebel dahinzuſchwinden. Es war ihr, als ſey ſie dem Erröthen und Seufzen der Jugend — der Jugend der italieniſchen Jungfrau zurückgegeben. Wie in der Hervorrufung unſerer goldenen Jahre die Poeſie ihren Zauber auf uns alle übt, ſo wirkte auf ſie der Zauber des Dichters ſelbſt.

O wie ſchön war dieſe kurze Epiſode in dem Leben der Frau, welche die„feilen Scenen und Klänge“ des welt⸗ lichen Lebens ſatt hatte! Wie wunderbar beſeligend ent⸗ ſchwanden ihr die Stunden, als, durch ihre ſtumme Sym⸗ pathie angelockt, der junge Dichter von ſeinen frühen Kämpfen des inneren Drangs mit dem Schickſal ſprach— wie er unter den Blumen brütete und das Plätſchern der Fontäne dabei in ſein Ohr ſchlug, oder wie er im düſtern Licht der Lampen durch die öden Straßen wandelte, während das Geſpenſt von Chatterton's blitzenden Augen ſchreckenerregend hinter den freundloſen Schatten zu lauern ſchien. Und mochte er von ſeinem Hoffen oder Fürchten reden, ihr Blick weilte zärtlich auf dem jungen Antlitz, deſſen Ausdruck zwi⸗ ſchen Stolz und Wehmuth wechſelte— der erſtere ſo ſanft und die letztere ſo edel rührend. Sie wurde es nie ſatt, dieſe Stirne mit ihrer ruhigen Kraft zu betrachten; aber ihre Wimpern ſenkten ſich vor den Augen ſo voll erhabener unerforſchlicher Glut. Sie fühlte, und es kam ihr keinen Augenblick aus dem Sinn, was es Tiefes und Heiliges um die Liebe in ſolchen Seelen ſeyn müſſe. Leonard ſprach nie von Helen mit ihr— eine Zurückhaltung, die man be⸗

90*