Teil eines Werkes 
18. Bd. (1851)
Entstehung
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Auslande vereinigte. Die wandernden Genies kannten ſich daheim ſchon aus ihren gemeinſchaftlichen Schulen oder von den unzähligen Bühnen. Ein Italiäner dieſes Schlages durfte in jeder fremden, einigermaßen bedeutenden, Stadt nur immer gleich am erſten Abende das Theater beſuchen, um hinter den Couliſſen, in den Schauſpielerlogen, im Orcheſter die wärmſten Bekanntſchaften wieder zu erneuern. So war er denn gleich wie zu Hauſe; ſeine Freunde und Freundinnen bemüheten ſich eifrigſt, den Landsmann mit ihrer glänzenden Lage bekannt zu machen. Da ſie die em⸗ pfehlungswerthen Gaben des Angekommenen am beſten zu würdigen verſtanden, und Wahlverwandtſchaft, Verſchwäge⸗ rung, häufig die Bande wildverſchlungener Neigung oder ſeltſamer Verwandtſchaftsgrade ein unſittliches Geſchlecht mit einander verknüpften, ſo führten ſie den Freund, Oheim, Bruder, Vetter bereitwilligſt in ihre Kreiſe ein, oder unter⸗ ſtützten den Verarmten großmüthig mit dem leichten Erwerbe ihrer Talente und ihrer perſönlichen Reize. So konnte eine hervorſtechende Individualität, wie die unſeres Venetianers, keinen Tag verborgen bleiben; er hatte immer offene Em⸗ pfehlungsbriefe an die Herren und Damen der Modewelt; und dieſe Verkettung perſönlicher Beziehungen erleichterte, zu⸗ mal einem Venetianer, ſein ſchnelles, glänzendes Debut, mochte es in Turin, Paris, London, Berlin, Warſchau, Petersburg, Dresden oder Braunſchweig ſein. Dieſem Landsmannſchafts⸗ geiſte, welchem gleiche Neigung und oft gleiches Schuldbewußt⸗ ſein zum Grunde lag, verdankte der Chevalier de Seingalt über⸗ wiegender ſeine Erfolge, als den Empfehlungsbriefen eines Kardinals Bernis, des Duc de Choiſeul, Lord Mariſhals, und mehr als dem Freimaurerhändedrucke oder den Erken⸗ nungszeichen einer geheimen Geſellſchaft von Roſenkreuzern, Illuminaten, Adepten, oder dem Rufe ſeiner Kabbala. Aber der glorioſen Triumphepoche der neueren ita⸗ liäniſchen Volksnatur bereiteten viele Dinge im Stillen den Untergang, ehe die große franzöſiſche Staatsumwälzung die Tempel und die Hochſchulen italiäniſcher Künſte in Paris verödete, und neue ſittliche Gewalten in der europäiſchen Geſellſchaft ſich Geltung erzwangen. Auch dieſe Künſte,

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