13
wirklich ſchöne Erſcheinung war. Seit einem Monate ſagte er jeden Morgen zu mir: Morgen wird mein Gemälde fer⸗ tig, und obwohl er bis in die Nacht hinein arbeitete, wurde das Werk doch nicht fertig. Ich fragte ihn endlich, ob er ſich nicht geirrt, als er mir am vorigen Tage verſichert, daß ſein Gemälde im Laufe des heutigen Tages beendigt werden würde.— Nein, gewiß hatte ich mich nicht getäuſcht, denn von hundert Liebhabern kann es neunundneunzig vollendet erſcheinen, aber ich lege nur Gewicht auf das Urtheil des hundertſten, den ich nicht finden kann. Dieſe Maadalene wird alſo nur faktiſch vollendet werden, d. h. dadurch, daß ich aufhöre daran zu arbeiten.— Kein menſchliches Werk kann als vollendet betrachtet werden, weil keins vollkommen iſt. Selbſt in Ihrem Petrarka, den Sie ſo ſehr lieben, iſt kein vollkommenes Sonnett. Das iſt wahr, ſagte ich, und fiel ihm zum Zeichen meiner Beiſtimmung um den Hals. Wie alle Leute von Fach ſtellte er das Genie des Ma⸗ lers über das des Dichters; indem er z. B. die Arbeitsweiſe eines Dichters, der eine Tragödie machte, mit der des Ma⸗ lers verglich, der in einem Rahmen die verſchiedenen Scenen dieſer Tragödie darſtellt, gab er dem letztern den Vorzug. Ich erwiederte ihm: Ich möchte nicht zwiſchen dem Genie eines Euripides und eines Raphael entſcheiden; was aber die Ausführung betrifft, ſo möchte ich behaupten, daß die Ausfüh⸗ rung des Malers vielmehr eine Handarbeit als eine geiſtige Ar⸗ beit iſt. Indem er Umriſſe zeichnet oder Farben miſcht, kann er ſeinen Geiſt hundert Meilen von der Leinewand ſchweifen laſſen; dagegen kann der tragiſche Dichter ſeine Phantaſie nicht einen Augenblick von ſeinem Gegenſtande ablenken; er bedarf ſeiner ganzen Begeiſterung, aller ſeiner Kräfte und aller ſeiner Aufmerkſamkeit. Zeigen Sie mir einen tragiſchen Dichter, der je während ſeiner Arbeit ſeinen Küchenzettel diktirt hat, was Sie doch, während Sie an der Magdalene arbeiteten, gethan haben. Als Mengs ſich auf ſeinem eignen Gebiete geſchlagen fühlte, brummte er zwiſchen den Zähnen; das war ſeine ganze Antwort. Ich könnte noch einige Anekdoten in Bezug auf Mengs anfüh⸗


