Teil eines Werkes 
11. Bd. (1850)
Entstehung
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Wer ſind Sie, ſchöner Engel? Ich bin Thereſe, die Tochter des Haushofmeiſters, und dieſe hier iſt meine Schweſter.

Neben ihr lag ein andres Mädchen; aber ich hatte ſie nicht bemerkt, weil ſie den Kopf unter die Decke geſteckt

hatte.

Wie alt ſind Sie? 9

Bald ſiebenzehn Jahre.

Es ſoll mir lieb ſein, Sie morgen auf meinem Zim⸗ mer zu ſehn.

Haben Sie Damen bei ſich?

Nein.

Dann iſts ſchlimm, denn wir gehn nie zu Herren.

Ziehen Sie doch die Decke etwas herunter, denn ſie hindert Sie am Sprechen.

Es iſt zu kalt.

Reizende Thereſe, Ihre ſchönen Augen entflammen mich.

Da ſie den Kopf wieder untergeſteckt hatte, während ich dieß ſagte, ſo wurde ich verwegen und überzeugte mich, daß

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ſie ein wahrer Engel ſei. Nach einigen etwas lebhaften Liebkoſungen zog ich meine Hand zurück, wiederum wegen meiner Verwegenheit um Verzeihung bittend, und als ſie

den Kopf wieder hervorſteckte, las ich auf ihren Wangen und in ihren Augen mehr den Ausdruck des Glücks als den

des Zornes, und ich faßte die Hoffnung, daß ſie mir noch andere Gefälligkeiten bewilligen würde. Ich wollte wieder anfangen, denn ich war Feuer und Flamme, als eine ſehr ſchöne Magd mir anzeigte, daß mein Zimmer bereit und das Feuer angezündet ſei. Leben Sie wohl bis morgen, ſagte ich zu Thereſen, welche ſich umdrehte, um wieder einzu⸗ ſchlafen.

Ich legte mich zu Bett, nachdem ich zu um ein Uhr das Mittagseſſen beſtellt und ich ſchlief bis Mittag, von Thereſen träumend. Als ich erwachte, meldete mir Coſta,

daß er das Haus meines Bruders entdeckt und ein Billet

zurückgelaſſen. Dieſer Bruder war Johann Caſanova, der

zu dieſer Zeit dreißig Jahre alt und ein Schüler des

deruhmten Raphael Mengs war. Dieſem Maler war da⸗ 13*