man nicht zum Tode verurtheilen will, obwohl man ſie wegen ihrer Verbrechen deſſelben werth glaubt.
Alle höchſten Richter der Erde haben immer gewiſſen Verbrechern, welche durch ihre Handlungen den Tod verdient hatten, eine Gnade zu erweiſen geglaubt, indem ſie dieſelben am Leben ließen; aber oft erſetzte man dieſen augenblick⸗ lichen Schmerz durch die ſchrecklichſte Lage, und zuweilen durch eine ſo ſchreckliche, daß jeder Augenblick dieſes ſich beſtändig erneuernden Leidens ſchlimmer als der Tod iſt. Betrachtet man die Sache vom religiöſen und philoſophi⸗ ſchen Standpunkte aus, ſo können ſolche Strafumwandlun⸗ gen nur inſofern wie eine Gnade betrachtet werden, als der Unglückliche, welchen ſie betreffen, ſie ſo anſieht; aber ſelten fragt man den Verbrecher, und dann iſt die angebliche Gnade nur eine Ungerechtigkeit.
Dieſe unterirdiſchen Gefängniſſe ſind durchaus mit Grä⸗ bern zu vergleichen; aber man nennt ſie die Brunnen, weil das Waſſer, welches durch das Gitter, durch welches ſie einiges Licht erhalten, aus dem Meere eindringt, immer zwei Fuß hoch ſteht; dieſes Gitter iſt nur einen Quadrat⸗ fuß groß. Will der Unglückliche, welcher zum Leben in dieſer ſchmutzigen Kloake verurtheilt iſt, nicht ein Bad in ſalzigem Waſſer nehmen, ſo muß er den ganzen Tag auf einem Tritte ſitzen, auf welchem ein Strohſack liegt und welcher ihm zugleich als Vorrathskammer dient. Morgens giebt man ihm einen Krug Waſſer, eine elende Suppe und eine Ration Schiffszwieback, welchen er ſogleich eſſen muß, wenn derſelbe nicht die Beute der großen Seeratten werden ſoll, von denen dieſe ſchrecklichen Orte wimmeln. Gewöhn⸗ lich ſind die Unglücklichen, welche in die Brunnen gebracht werden, verurtheilt hier ihr Leben zu beſchließen, und zu⸗ weilen erreichen ſie ein hohes Alter. Ein Verbrecher, wel⸗ cher zur Zeit meines Aufenthalts unter den Bleidächern ſtarb, hatte 37 Jahre in denſelben zugebracht, und war, als er hineinkam, ſchon 44 Jahre alt. Da er überzeugt war, den Tod verdient zu haben, ſo kann er die Umwand⸗ lung ſeiner Strafe wohl als eine Gnade betrachtet haben, denn es giebt Menſchen, welche nur den Tod fürchten.


