Teil eines Werkes 
10. Th. (1864) Memoiren
Entstehung
Einzelbild herunterladen

237

Ich brachte drei Tage bei dieſem berühmten Manne zu, allein ich glaubte, nicht die geringſte Frage über die Religion an ihn richten zu dürfen, wie große Luſt ich auch dazu hatte, denn es wäre mir erwünſcht geweſen, das Urtheil ſeines Geiſtes in einem ſo ſchwierigen Punkte kennen zu lernen; ich vermuthete aber, davon genug zu wiſſen, um zu glauben, daß Herr Haller in ſolcher Angelegenheit nur nach dem Herzen urtheilte. Ich ſagte ihm gleichwohl, daß ich es mir zur Ehre machte, Herrn von Voltaire zu beſuchen, und er ant⸗ wortete mir, ich hätte Recht. Er fügte ohne die geringſte Bitterkeit hinzu:Herr von Voltaire iſt ein Mann, der gekannt zu werden verdient, obgleich, un⸗ geachtet der Geſetze der Phyſik, viele Leute ihn aus der Ferne größer gefunden haben, als in der Nähe.

Die Tafel des Herrn Haller war gut und reich⸗ lich beſetzt, obgleich er ſelbſt ſehr nüchtern war, denn er trank nur Waſſer. Beim Nachtiſch geſtattete er ſich indeß ein kleines Glas Liqueur, das er in ein großes Glas Waſſer goß. Er ſprach viel mit mir von Boerhave, deſſen Lieblingsſchüler er geweſen war. Er ſagte mir, nach Hippokrates wäre Boerhave der größte Arzt geweſen und der größte Chemikker, der je gelebt hätte.

Wie kommt es, fragte ich,daß er nicht zur vollen Reife gelangte?

Weil gegen den Tod kein Kraut gewachſen iſt. Boerhave war ein gekborener Arzt, wie Homer ein

geborener Dichter, außerdem würde der große Mann vor dem Alter von vierzehn Jahren an einem giftigen Geſchwür geſtorben ſein, das der Behandlung der beſten Aerzte jener Zeit widerſtanden hatte. Er heilte ſich ſelbſt, indem er ſich häufig mit Salz, aufgelöſt in ſeinem eigenen Urin, einrieb.