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„Jetzt verſtehe ich, warum Du dieſen Punkt be⸗ rü hrteſt.“
„Ich glaubte es thun zu müſſen. Und obſchon ich in der Pedanterie nicht ſo weit gehen will, daß ich ihr Morgenkleider verbiete, ſo kann ich ihr gleichwohl nicht erlauben, daß ſie ein ſolches nach elf Uhr trägt, wo ich die Perſonen empfange, die mit mir zu ſchaffen haben. Es wäre höchſt unpaſſend, mein Fenſter in ein Obſervatorium verwandelt zu ſehen.“
„Darin haſt Du vollkommen Recht... aber um auf Deine Behauptung wegen der Gedächtnißſchwäche zurückzukommen, ſo— Du magſt es nehmen wie Du willſt— behaupte ich, daß dieſe Sache blos eine Ba⸗ gatelle iſt.“ ₰
„Eine Bagatelle?“
„Ja, es giebt Leute, die eben ſo ordnungsliebend ſind als Du und gleichwohl noch ſchlimmere Zerſtreut⸗ heiten gehabt haben.“
„Wie meinſt Du das 2“
„Du weißt, daß ich ſelbſt— in welchem Ruf ich auch als Privatmann ſtehen mag— doch immer als ein ausgezeichnet ordnungsliebender Arzt bekannt war.“
„Das iſt wahr!“
„Nun wohl.. aber das bleibt unter uns: Du darfſt es nicht einmal dem Lars Moritz mittheilen...“
„Auf Ehre, keinem Menſchen!“
„Nun, ſiehſt Du, vor ohngefähr 2 Monaten begeg⸗ nete mir etwas, das beinahe ein Menſchenleben gekoſtet hätte.“—
„Was ſagſt Du?“
„In einer Zerſtreutheit, die ich mir bis auf den jetzigen Augenblick nicht zu erklären vermag, ſchrieb ich eines Tags zwei verſchiedene Recepte. In dem einen, auf das ich den Namen des Patienten ſchrieb, eines ſchwachen, beinahe ſterbenden Jünglings, verordnete ich
etwas, das ich wegen einer ganz entgegengeſetzten Krankheit für einen großen und ſtarken Menſchen be⸗


