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Daß der Kriegsrath Wendelskon, dieſes perſonifi⸗ zirte Urbild aller Ordnungsliebe, ein golches Verſehen begehen ſollte, das war... mit einem Wort, das war bemerkenswerth.
„Welche Beſchäftigung,“ fragte der Doktor ſo ernſt⸗ haft, als es der Kriegsrath nur je wünſchen konnte, „hatteſt Du unmittelbar vorher?“
„Keine, die nur im Geringſten anſtrengend geweſen wäre: ich hatte blos eine Art von Tagesordnung für den Aufenthalt meiner Mündel im Hauſe feſtgeſetzt — wie Du weißt, bin ich kein Freund von Confu⸗ fionen.“
Jetzt ſchien der Doktor nicht blos verwundert: auf ſeinem Geſichte zeigte ſich ſogar eine tieffinnige Prüfung.
„Wollteſt Du mich nicht zufällig dieſes Reglement ſehen laſſen?“
„Sehr gern... es liegt dort auf dem Tiſch un⸗ ter der dritten Briefpreſſe links.“
Der Doktor nahm das bezeichnete Papier unter der vierten Briefpreſſe, wobei er jedoch ſchwieg, und machte ſich neugierig daran, es zu leſen.
Er ſetzte ſich ſo, daß er ſeinem Patienten den Rücken kehrte.
Aber er war noch nicht weiter als bis zum erſten Paragraph gekommen(Kleidung: ſtrenge Beobachtung des Anſtandes, nichts Leichtes nach elf Uhr), als er ſchon mit außerordentlicher Heftigkeit den Stuhl rückte und rief:
„Was zum Teufel will das ſagen: Nichts Leich⸗ tes nach elf Uhr?“
„Das will heißen,“ antwortete der Kriegsrath, „daß das junge Mädchen, da es nicht weiß, was ſich ſchickt, mir ſeinen erſten Beſuch im Morgenkleid gemacht hat... ein weißes dünnes Zeug mit Spitzen, Bän⸗ dern und dergleichen Flitter, iſt nach meiner Anſicht


