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Mit einem verletzten Gefühle— denn ſelbſt der Anſtand war ja verletzt worden— wandte er ſich weg.
Es iſt wohl wahr, daß er ſich dreimal wieder zurück⸗ wandte, aber noch wahrer iſt, daß er nach jedem erneu⸗ ten Blick immer verdrießlicher wurde.
Mittlerweile hatten die Damen ihre Runde um den Salon beſchloſſen. Und eines Winkes gewärtig, ſich entweder zu ſetzen oder zu gehen, blieb Viola bei dem letzten Blumentopf an der Seite des Kriegsraths ſtehen.
„Ach welch eine herrliche liebliche Blume auf dieſer rauhen und garſtigen Kaktuspflanze!“ ſagte ſie, indem fie ſich zur Blume hinabbeugte und es auch nicht ver⸗ ſchmähte, ſie mit ihrer Wange zu berühren.
„Nehmen Sie ſie mit, wenn ſie Ihnen gefällt.“
Und eine gemeinſchaftliche Verneigung vor den Damen gab zu verſtehen, daß die Audienz zu Ende ſei.
Mit freudigem Erröthen— denn dieß war doch ein Beweis von Wohlwollen— hob Viola den Topf auf, der ganz leicht war, aber in demſelben Augenblick ſtieß ſie einen Schmerzensruf aus: ihre weiche Haut war von den Dornen geritzt worden.
Die ganze kleine Verwirrung kam ſo ſchnell, daß Severin nicht an ſeine Würde denken konnte.
Hätte er an ſo etwas denken können, ſo würde er gewiß nicht aufgeſprungen ſein, um Viola die Pflanze abzunehmen und ſie eigenhändig bis an die Thüre zu tragen, wo ſie dem alten Nicke übergeben wurde.
Noch weniger würde er in einem ganz bekümmer⸗ ten und wirklich einnehmenden Tone gerufen haben:
„Verzeihen Sie, verzeihen Sie, daß ich Sie bat, die Pflanze ſelbſt zu nehmen.“
Erſt nachdem die Schwägerin, Viola und Nicke verſchwunden waren, dachte er an all das, beſchloß aber auch, daß er jetzt, nachdem der ärgerliche Anfang vor⸗ über war, nie mehr dieſe abgemeſſene Würde aus den Augen verlieren wolle, die ſein Anſehen aufrecht er⸗
hielt..


