Teil eines Werkes 
11.-13. Bändchen (1849)
Entstehung
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weichen, ſchattigen Zweigen, man mag dieſes Säuſeln hören, entweder an einem Sommerabende, accompagnirt von den Melodien der Droſſel, oder an einem Herbſt⸗ aobende, wenn Aoeolus ſeinen mächtigen Baß ſtreicht. und dann welche Jugend iſt ewiger, als die ihrige? Steht ſie nicht, wenn die Erde ſich in ihre erſte Schnee⸗ decke gehüllt hat, immer noch grün, noch ſtolz in ihren reiferen Reizen und trägt immer noch voll Anmuth ihren hehren Wuchs, ihre kühne Krone? Und wenn nun Januarius kommt und um dieſe Krone ſeine Schnüre von glimmendem Reif ſchlingt, wo gibt es da ihres Gleichen, beſonders wenn man ſie in der ſternhellen Winternacht ſieht, da der Mondſtrahl ſein Beilager mit der Kryſtallperle feiert, welche zitternd in ihrer grünen Schaukel hängt.

Es war dieſe Generation von jungen Tannen, welche dem Thale ſeinen Namen Grandalen*) gegeben hat. Und der unumſchränkte Beherrſcher dieſes kleinen Flecks, er, der alles Lebendige in der Natur liebte, hatte eine faſt religiöſe Ehrfurcht vor ſeinen Tannen.

Wenn er bisweilen mit ſich ſelbſt nicht einig war, wie eine Reichsfrage abgeurtheilt werden ſollte, ſo ging er in ſeinen Hain, wie die Römer in den ihrigen gingen. Die Tannen waren ſeine Tempelprieſter, das Säuſeln in ihren Zweigen die Orakelantwort, und in ſo vielen Zungen redete dieſe vor dem eingeweihten Ohr des On⸗ kels Janne, daß er ſtets einen Wink von Demjenigen, was er wiſſen wollte, zu vernehmen meinte.

An einem dunklen Abende, in den erſten Tagen des October, klopfen wir an die Thür des kleinen grauen Hauſes in Grandalen.

Nur der Streifen des Nordlichtes, welcher dann und wann über dem Himmel ſchwebt, läßt uns die

*) Zuſammengeſetzt aus gran(Tanne, Weiß⸗, Edeltanne, pinus abies); dal(Thal) und dem beſtimmten Artikel en; alſo wörtlich: das Tannenthal.

Anm. d. Ueberſ.