Teil eines Werkes 
7.-10. Bändchen (1849)
Entstehung
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auch wirklich der Doctor, die Hofräthin und alle klugen Leute, beſonders weil ſie oft ſchaudernd nach der Thür hin lauſchte und bei ſich ſelbſt leiſe wiederholte:

Graut Liebchen auch? der Mond ſcheint hell!

Hurrah! Die Todten reiten ſchnell!

Graut Liebchen auch vor Todten?

Höre, meine Du! ſagte der Onkel einſt indem er mit einer Zärtlichkeit, die eher einem Weibe und einer Mutter, als einem alten Hageſtolz angehörte, um ſeinen Liebling beſchäftigt warhöre, meine Du! jetzt mußt Du artig ſein und Dir ſagen laſſen... Wir müſſen Dich nach der andern Seite bringen!

Ich kann es nicht hindern; Ihr könnt mit mir machen, was Ihr wollt, antwortete ſie leiſe;wenn Ihr mich aber von dieſem Zimmer ſcheidet, ſo ſcheidet Ihr mich ſchon von dem Leben!

Ihr Blick fiel unbewußt auf das gegenüberliegende Fenſter ganz gegen die Gewohnheit kranker Perſonen litt Edith es nicht, daß die Rollgardinen immer herabeg gelaſſen ſein durften. Bisweilen wollte ſie die Sonne

und bisweilen wieder die Sterne ſehen.

Hm, hm! murmelte der Onkel, und als er in eben dieſem Augenblicke eine Hand gewahrte, welche in jenem Fenſter, nach welchem Edith ihren Blick hatte verirren laſſen, Blumen ordnete und begoß, ſo fügte er noch dreihm! hinzu, auf welche kurz darauf noch ein viertes folgte, als der Verwalter in ſeiner Ordnung gleich dem übrigen Perſonal des Hauſes in die Bibliothek kam, um ſich nach dem Befinden des Fräuleins zu er⸗ kundigen und dabei dem Onkel dem gewöhnlichen Austheiler der Bulletins einen ausgezeichnet ſchönen Blumenſtrauß vom Gärtner überlieferte, um denſelben an das Fräulein abzugeben.

Edith wußte nicht, daß der Onkel ſo gute Augen hatte.

Sie ahnte nicht, daß er es merkte, wie fein ſie es anſtellte, um, während ſie den Duft der Blumen ein⸗ zuſchlürfen ſchien, die eine nach der andern zu küſſen.