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auf eine ſo bedauernswürdige Höhe geſtiegen war, ſchien wiederum, obgleich mit helleren Zwiſchenſtunden, die Herrſchaft über ſeinen Geiſt nehmen zu wollen. Er ſah ſich jetzt faſt immer in zwei verſchiedenen Weſen und vermiſchte zu ſeiner ewigen Pein den rechten und den falſchen Bräutigam.
Bald war es ſein wirkliches Ich, das Edith in den Brautſtuhl führen ſollte, bald war es ſein Schatten, dem ſie ihre Treue geſchworen hatte, und in der Ueber⸗ zeugung, daß er mit dieſem ſeinem uͤbermächtigen Feinde nicht kämpfen konnte, weinte und tobte er dann über ſeine eigene Feisheit, daß er nicht den Muth hatte, die Geliebte dieſem ſeinem zweiten Selbſt zu entreißen.
Sein Leiden war um ſo ſchrecllicher, als es mit vieler wirklicher Vernunft untermiſcht war. Sehr oft ſchätzte er mit voller Klarheit des Verſtandes ſein Elend, und zu dieſem kam jetzt noch die Grübelei über ein neues, ſchreckenvolles Räthſel, welches er niemals zu löſen vermochte. Hatte ſein Körper zwei Seelen, oder hatte die Seele, die in ihm thätig war, die Eigenſchaft, ſich in zwei Körpern zu verdoppeln?......
Edith's Zuſtand während dieſer Zeit beſchreiben zu wollen, wäre um ſo ſchwieriger, als wir keinen Namen beſitzen für die Eindrücke, welche ſie entgegennahm. Gewiſſensbiſſe und Reue hatte ſie ſchon früher empfunden, jetzt erſchien ſie ſich ſelber als ein verdammter, an die Erde gebundener Geiſt, der durch ſeine Sündenſchuld der
Ruhe ſowohl des Lebens als auch des Grabes beraubt
war. Sie zehrte ab unter der Geißel der Selbſtvorwürfe. Wenn der Graf Hermann in vernünftigen Augen⸗ blicken nach ihr fragte, ſaß ſie augenblicklich zu ſeinen
Füßen. Ihre heißen Thränen thauten herab auf ſeine Hände, und ihre erblichenen Lippen ſtammelten die Bitte
um Verzeihung. Bisweilen antwortete er nicht— bisweilen aber
ſagte er mit einer Bemühung ſie zu tröſten:„Ich bin
zufrieden mit Demjenigen, was geſchehen iſt!“


