Der ſchöne, feurige und edelmüthige Knabe war von der ganzen Umgegend geliebt; denn beſtändig ſtand er
wie ein Schutzengel auf der Wacht zwiſchen ſeiner
Stiefmutter, der allein herrſchenden Gebieterin, und den armen Untergebenen.
Der Vorſchlag des Barons, ihn auf die Univerſität zu ſchicken, war jedoch nicht ſo leicht bewerkſtelligt, als ausgedacht. Er mußte zuerſt mit ſeiner Frau darüber ſprechen, und das ſo zart als möglich, da die Ausfüh⸗ rung zufolge gewiſſer leidiger Verhältniſſe von ihr ab⸗ hing. Zu dieſer unangenehmen Berathung wählte der Baron einen Nachmittag, wo Guſtav mit Herrn Wer⸗ ner nach Roſendal hinüber gefahren war. Er lag auf einem Sopha und ſtützte das brennende Haupt auf die abgemagerte Hand. Ihro Gnaden blätterten in einem Modejournal.
„Liebe Sophie,“ fing Lindorm mit einem gelinden Huſten an,„es iſt wirklich nicht nützlich für Guſtav, ſo lange in der Heimath zu bleiben. Der Knabe muß zeitig in die Welt hinaus, um damit bekannt zu wer⸗ den. Es ſollte mich freuen, wenn Du darüber dieſel⸗ ben Gedanken hätteſt, wie ich.“
„Du biſt gar zu artig,“ ſagte die Baronin mit einem beißenden Lächeln,„daß Du meine Gedanken um Rath fragſt; ich will deßhalb ganz offen erklären, daß ich Deine Anſicht theile.“
„Das freut mich in der That,“ fuhr Lindorm nach einigem Stillſchweigen fort,„ich glaube nicht, daß die Koſten bedeutend werden ſollten. Werner iſt ein ver⸗ ſtändiger und braver junger Mann, von reinen Sitten und ſparſamer Erziehung. Er wird Guſtav kein böſes Beiſpiel geben.“
„Das iſt ein Gegenſtand, worüber ich mich nicht
ausſprechen kann,“ antwortete die Baronin, und auf
den gelben Wangen glühte eine Röthe, die ſich der der Pfingſtroſen näherte.„Du weißt wohl ſelbſt am beſten, ob Dein Sohn Vermögen genug beſitzt, um ſein und


