„Ja, wenn ich mich einmal verloben ſollte, ſo ſoll es elf Donnerſtage in einer Woche geben!“ ſagte Roſa ärgerlich, indem ſie die Thür des blauen Zimmers öff⸗ nete, wo Thekla ſaß und las.
„Thekla!“ fluͤſterte ſie,„willſt Du ein vernünftiges Wort mi Hildur reden? Victor iſt dort an der andern Seite.“
Thekla ging hinaus und ſagte mit ihrer ernſten,
ruhigen Stimme, welche Hildur eine unerträgliche Mee⸗
resſtille nannte, indem ſie Hildur vor den Spiegel führte: „Glaubſt Du wohl, daß Du Victor ſo gefallen wirſt?“
„Mich kümmert wenig, was ihm gefaͤllt— und dann wirſt Du entſchuldigen, wenn ich keine unnöthigen An⸗
merkungen hören will!“ Bei dieſen Worten hatte ſie
ſchon die Hand an das Thürſchloß gelegt— ſie wollte
hinaus, ſie mußte hinaus.
„Haſt Du denn Deinen Verſtand ganz und gar verloren? Willſt Du Dich vor einem Lebzaber, den Du auf dem Wege biſt zu verlieren, roth wie eine Pione im Geſichte, mit brennenden und von Thränen feuchten Wangen und am ganzen Körper vor heftiger Bewegung zitternd zeigen?.. Nimm Deine Würde als Braut und als Weib beſſer in Acht! Darf er ſehen, daß er Dir ſo viel koſtet? Werde erſt ruhig, laß Dir Zeit zur Erholung— Roſa hält ihn ſo lange auf— geh'’ Du zu ihm, Roſa!’“ 1
„Aha, Du meinſt, es wird mir ſo ſchwer, ihn un⸗ treu zu ſehen. O nein, ich kann nicht ſagen— ich bin ſo ziemlich bei Laune. Ich weiß, daß er früher oder ſpäter zurückkommen wird; darum ſinge ich ſo luſtig, wie irgend Eine!“
Und nun begann Hildur laut und klar zu ſingen:
„Nein, ich laß den Muth nicht ſinken!“
„Man ſieht in der That, daß Du tapfer biſt! Schrei Dich nun aber nicht heiſer, denn dieſe Tapferkeit bedeu⸗ tet dennoch ſehr wenig, ſondern waſche Deine Augen, lege Deine Haarflechte in Ordnung, und mache, daß Du nicht ausſiehſt wie eine Theaterheldin,
Der Jungferthurm. II.


