28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
„Träumereien“ für Mengele Die Hoffnungen der Anita Lasker- Wallfisch
Es ist nicht graue Vorzeit, wovon die 88 jährige Anita Lasker- Wallfisch er- zählt, es ist ihr eigenes Leben. Und sie macht sich keine Illusionen„Menschen lernen selten aus der Geschichte und die Geschichte des Nazi-Regimes bildet keine Ausnahme“, beginnt sie ihre Aus- führungen.„Aber“, so fährt sie fort, „man muss sich fragen, warum der oft- mals geforderte Schlusstrich nach so vie- len Jahren nicht gezogen wurde.“ Viel- mehr das Interesse„an diesem spezifi- Schen Völkermord“ zugenommen habe.
Dass dies so ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Anita Lasker- Wallfisch, die auch im hohen Alter noch erzäãhlt, was ihr, ihrer Familie und den Millionen von Leidensgenossen angetan wurde. Sie berichtet,„wie es damals war als Jude in Deutschland“. Als plötzlich Menschen verschwanden und vormals gute Nachbarn, dabei nichts Verwerfliches fanden, das„arie- sierte“ Habgut günstig zu erwerben.
Medikamente für die Oma
Sie erinnert sich, wie ihre Eltern de- portiert wurden und wie sie bald dar- auf als 17 Jährige ihre 82 jährige Großmutter zum Sammelplatz für den Abtransport brachte und ihr ein Säckchen mit Medikamenten um den Hals hängte. Sie weiß noch genau, wie sie selbst einige Wochen später in Auschwit? angekommen, nackt und mit abrasierten Haaren dastehend, ei- ne Nummer auf den Arm tãtowiert be- kam. Dagegen wisse sie nicht mehr, „was mich unter diesen Bedingungen dazu brachte, Cello zu spielen“. Als Mitglied im Orchester von Auschwitz war sie privilegiert:„Ich war ein VI. P“ Aber:„Ich war das einzige Cello, wäre ein zweites da gewesen, hätte es schon anders ausgesehen.“
So kam es, dass sie dem berüchtig- ten SS-Arzt Josef Mengele,„der wie ein normaler Mensch aussah“, unter anderem die„Iräumereien“ von Schu- mann vorspielte.„Dass so ein Mann wusste, dass es s0 etwas Schönes gibt“, das bezeichnet Anita auch heute noch als verrückt“.
Das zweite Leben
Als schließlich die britische Armee 1945 in das K?Z Bergen-Belsen ein- rückte-„einem sonnigen 15. April um 4 Uhr nachmittags“, s0 Lasker Wall- fischs genaue Frinnerung- war auch sie wieder frei. Sie war 19 Jahre alt,„aber ich fühlte mich wie 90.“ Von da an gehörte sie zu den„displaced persons“, den Menschen,„die die Welt in Verle- genheit brachten“, wie sie der Reporter der Wetterauer Zeitung zZitiert. Sie sagt als Zeugin im Bergen-Belsen-Prozeß (September- November 1945) aus, wandert dann nach England aus und beginnt ihr„zweites Leben“. Sie heira- tet, bekommt Kinder, studiert Musik- wissenschaft und spielt Cello.
Ihre Brinnerungen an ihr Uberleben als Holocaust-Verfolgte schreibt sie e% Jahrzehnte später nieder.„Uhr voilt die Wahrheit erben“ erscheint im Jahr 1997 und verdeutlicht bereits im Iitel, dass sie dies ursprünglich und ausschließlich für ihre Kinder auf sich genommen hat. Sie wollte damit erklären, warum sie vorher nie mit ihnen über ihre leidvollen Erfah- rungen im Holocaust gesprochen hatte, berichtete sie bei einem von der Lager- gemeinschaft vermittelten Besuch an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universitãt Gießen.
Warum sie so lange geschwiegen hatte, dafür habe es gleich mehrere Gründe gegeben. Zum einen habe sie die Kinder in jungen Jahren nicht durch


