Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9
ten und hohes Ansechen genossen für ihr medizinisches Fachwissen, das sie sich in den Konzentrationslagern der NS-Zeit erworben hatten. Die Opfer hingegen waren vielfach eines qual- vollen Todes gestorben. Die wenigen, die überlebt hatten, waren zeit ihres Lebens von grässlichen Wunden ent- stellt- körperlich und zumeist auch
elisch verstümmelt. Viele erhielten . eine Entschädigung, während ihre Peiniger gewöhnlich einen hohen Le- bensstandard genießen konnten. Die- se Ungerechtigkeiten aufzudecken und immer wieder anzuprangern, wurde Ernst Klee zur Lebensaufgabe, von der er niemals abrückte.
Er produzierte auch Fernsehfilme und ging auf zahlreiche Vortragsrei- sen, um seine Recherchen publik zu machen. So war er auch mehrfach Gastredner bei Veranstaltungen der Lagergemeinschaft Auschwitz und unserem Verein schr verbunden. Bei einem dieser Auftritte wurde er ein- mal gefragt, wie er es denn bloß aus- halten könne, sich ständig mit solch
auenhaften Verbrechen zu befas- den. Seine Antwort war, dass er sehr wohl darunter leide, doch dies sei nichts im Vergleich zu den Qualen, die die Opfer seinerzeit erlitten hät- ten.
Historiker über die NSZeit haben die Arbeitsweise von Ernst Klee oft als„unwissenschaftlich“ kritisiert. Sie warfen ihm vor, mitunter zu voreilige Schlüsse gezogen und seine Quellen nicht ausreichend offen gelegt zu ha- ben, etwa in Fußnoten. Ernst hielt dem entgegen, dass er noch nie von
einem benannten Täter bezichungs- weise dessen Familie verklagt worden sei, auch wenn man ihm dies ständig angedroht habe. Dies allein spricht wohl schon für die Präzision seiner Forschungen. Er wollte auch gar kein Wissenschaftler im klassischen Sinne sein, sondern arbeitete stets wie ein investigativer Journalist. Manchmal beschaffte er sich sein Archivmaterial unter abenteuerlichen Umständen. Seinen Freunden erzählte er mitunter lustige Anekdoten, wie er Akten hat- te mitgehen lassen. In solchen Mo- menten konnte er herzlich lachen, was ihm als Ausgleich für seine be- drückende Arbeit sichtlich gut tat.
Zum Tod von Ernst Klee nach ei- nem langen Krebsleiden war in einem Internet-Blog zu lesen, man könne nur hoffen, dass er im Sterben nicht allzu viel habe leiden müssen, nach- dem er doch im Leben schon so viel gelitten habe. Dies war ihm nicht ver- gönnt.
Doch trotz großer Schmerzen hat er immer noch an seinem letzten Buch gearbeitet und es auch noch fer- tig gestellt.„Auschwitz. Täten Gehil- ſen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Peronenlexikon“ erschien rund fünf Monate nach seinem Tod zur Frankfurter Buchmesse. Es ist das letzte Vermächtnis eines unermüdli- chen Forschers und unbeirrbaren An- walts der Opfer, dem die Lagerge- meinschaft Auschwitz stets ein ehren- des Andenken bewahren wird. Ich selbst bin schr dankbar dafür, dass ich ihn zu meinen guten Freunden zählen durfte.
Annedore Smith


