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(2003) 1/2003. Juli 2003
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23

Diese Gewißheit versetzte die Uberle- benden in einen Schockzustand, ob- wohl die erfahreneren Häftlinge be- reits eine Liquidierung erwartet hatten. In seinen Aufzeichnungen unter dem TitelIm Herzen der Hölle beschrieb der Chronist Salmen Gradowski, daß wãhrend der Selektion eine unerträgli- che Anspannung unter den Häftlingen geherrscht hätte, aber niemand den er- ten Schritt zum Widerstand wagen wollte. Die unterschiedlichen Erwar- tungshaltungen hätten letztlich eine Aktion verhindert. Während die Tod- geweihten offensichtlich völlig resi- gniert alle Hoffnungen aufgaben, woll- ten die Uberlebenden aber vermutlich auch nichts sinnlos riskieren, zumal die Widerstandskämpfer auf ihre große Chance im Rahmen eines allgemeinen Lageraufstands warteten. In der Er- kenntnis, daß nicht alle Kameraden zu retten seien, entschlossen sie sich nicht einzugreifen, solange sie selbst nicht von der Todesgefahr betroffen waren. Bei den Selektierten handelte es sich zudem hauptsächlich um unerfahrene Häftlinge, von denen man sich nicht all- zuviel bei einem Aufstand versprach. 0 betroffenen Ungarn und Griechen onnten sich in der Regel weder in Pol- nisch oder Deutsch verständigen, noch in der Umgebung orientieren, sie stan- den in der Sonderkommando-Hierar- chie ganz unten.

Kurze Zeit nach dieser erkenntnis- reichen Selektion wurde schließlich auch der Betrieb von Bunker V einge- stellt. Beide Tatsachen verstärkten den auf dem Sonderkommando liegenden Vernichtungsdruck und die Forderung nach einer kurzfristigen Festsetzung des Aufstandstermins, da die nãchste

Selektion bereits vorauszusehen war. Kurz darauf wurde dem Sonderkom- mando ein Patum für den zweiten Auf- standstermin übermittelt. Wie sich je- doch herausstellte, wurde dieser allgemeine Aufstandstermin unerwar- teterweise nicht mit der Zustimmung der Internationalen Widerstandsorga- nisation, sondern von den Russen ohne Rücksicht auf Verluste eigenmächtig und voreilig festgesetzt. Dies erfuhren die Anführer im Sonderkommando von ihren jũdischen Verbindungsleuten im Lager und entschieden, sich im ei- genen Interesse zurückzuhalten um sich noch besser organisieren und mit den anderen Gruppen abstimmen zu können und um auf bessere Aussichten zu warten. Die fatale Konsequenz aus der enttäuschenden Erfahrung mit der russischen Eigeninitiative war, daß die Widerstandsführung im Sonderkom- mando aus Sicherheitsgründen die ge- samte Planung und damit auch ihre Entscheidungsgewalt an die Leitung der Internationalen Widerstandsbewe- gung abtrat, da diese bessere Möglich- keiten hatte, die allgemeine Aktion zu organisieren. Der dritte Aufstandster- min sollte folglich ausschließlich von der Internationalen Widerstandsorga- nisation bestimmt werden. In den dar- auffolgenden Tagen zeigte sich jedoch, daß diese Entscheidung falsch war und das Vertrauen der Anführer im Son- derkommando mißbraucht wurde.

Der dritte Aufstandstermin und die Eskalation

In den ersten Oktobertagen sorgte die Ankündigung des Krematoriums- leiters Busch, daß eine Gruppe von