Heft 
(2003) 1/2003. Juli 2003
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10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

gänger. Es sind diejenigen Rekonva- les?enten, die hierher vor einem Mo- nat zur leichten Arbeit kamen. An der Wand liegt eine ordentlich gelegte Leichenreihe. Das ist die heutige Rati- on an Abgängen.(.)

Das grundlegende akute Problem ist die Frage, ob wir das Essen be- kommen und für die Nacht in die Ba- racke dürfen. Wir haben zum Essen nichts bekommen und hatten in der Nacht kein Dach über dem Kopf. Die Funktionsträger lassen uns in graden Reihen stehen. Wer die Kräfte ver- liert und auf den lehmigen, mit feinen Bausteinstücken gestreuten Weg nie- dersinkt, bekommt einen Schlag mit dem Stock auf den Kopf oder anders- wo.(..) Wir stehen also an diesem ers- ten Iag in einem zusammengedräng- ten Haufen und warten. Worauf? Rund um uns herum die schlammige, breite und kaum bebaute Ebene von Birkenau. Und was passierte in uns? Wir wußten noch nicht, dass das Hun- gern sehr langsam geplant wurde.(..) Durchschnittlich jeden zweiten Tag haben wir gar nichts zu Essen bekom- men. An diesen Tagen mit absolutem Hungern und nach dem ganztätigen Stehen hatten wir die Hoffnung, dass wirdafür? für die Nacht in den Block reingelassen werden, was gewöhnlich auch passierte. An den Tagen des re- lativen Hungerns bekamen wir ein bißchen Suppe, ein Liter für 3 bis 5 Hãäftlinge. Es war in der Regel ein Nquivalent für das zu erwartende nächtliche Appellstehen. Ausnahms- weise, vielleicht drei- bis viermal in diesen zwei Wochen, bekamen wir ei- ne minimale Brotration: einen 1400 Gramm schweren Laib für 8 bis 10 Hãäftlinge.

Am Jag war das Stehen obligato- risch. Wer lebendig bis zum Abendap- pell gequält vom Hunger und einem schrecklichen Durst, von Halluzina- tionen über das große Fressen, Zit- ternd vor Kälte im Halbschlaf im Ste- H Schüttelfrost, gequält vom blutigen Durchfall, eiternden Wunden und Krätze ausharrte, der trãumte von ei- nem baldigen Ende oder vom m malen Glück: vom Essen und Schlafe& im Block. Real war im Prinzip nur ei- ne Alternative: entweder Schlafen

Unsere Gruppe verkleinerte sich in einem immer schnelleren Tempo. Woran dachte derjenige, der leben wollte? Woran dachte ein Mensch während des 24 stündigen Stehens? Meine Gedanken und wahrscheinlich die von meinen Mithäftlingen bilde- ten ein gewisses Schema:

Man muß in der stehenden Position aushalten, weil..

ich darf nicht zulassen, dass sich ein Anderer stark an mich lehnt:

ich muß den wärmsten Platz in der Mitte der Gruppe ergattern:

gleich bekommen wir Essen und werden in den Block reingelassen

es ist schrecklich kalt, aber morgen scheint bestimmt die Sonne.

Wer anders dachte, der lebte nicht mehr.(..) Die vierzehn Tage gingen zu Ende. Am 20. April waren wir mit dem Rest vom letzten Transport etwa 260 Häftlinge, jetzt blieben aus dieser Gruppe etwa 25 bis 30 Hãäftlinge. Ich lebte. Warum? Weil ich überleben wollte, dabei half mir Doktor Ciepie- lewski und mein schwacher aber früher abgehärteter Organismus.