Heft 
(1999) 2/1999. Dezember 1999
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31

Ich habe nie sprechen wollen über meine Geschichte

Ignatz Bubis, das Bild seiner Nichte Rachel und die Folgen-

Auszüge aus dem Stern-Interview wenige Tage vor Ignatz Bubis' Tod

Stern Die Vergangenheit drückt? Bubis: Immer stärker. Mich hat eine Sa- che kaputtgemacht: meine Reise nach G nach Sao Paulo. Seit ich das ild meiner Nichte Rachel kenne, läßt mir das keine Ruhe mehr. Ich habe ein Bild von meinem Vater gehabt. Mein Va- ter ist vor meinen Augen deportiert wor- den. Ich habe in Brasilien Fotos von mei- nem Bruder, von meiner Schwägerin bekommen. Ich wusste gar nicht, dass es die gibt. Es sind die einzigen Fotos, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Aber erst das Bild meiner Nichte hat mich um 350 Jahre zurückgeworfen. Dieses un- beschwerte Kinderlãcheln. Was hat dieses Kind dem Nationalsozialismus getan? Damit werde ich nie fertig. Bei diesem Bild meiner Nichte hat mich die Vergan- genheit eingeholt. Ich habe nie sprechen wollen über meine Geschichte, auch auf Fragen nicht. Ich war oft in Polen und hatte viele Indizien, S mein Vater nach Treblinka gekom- men ist. Inzwischen ist es so gut wie Ge- wissheit. Ich war in Auschwitz, in Ma- jdanek. Ich war in Sobibor, nur nach Treblinka bin ich nie gegangen. Jedes Mal gab es irgendeinen objektiven Grund. Erst 1989 habe ich gesagt: Jetzt fährst du hin. Ich bin quasi den Weg meines Vaters ge gangen, falls er überhaupt noch gehen konnte, falls er dort überhaupt lebend an- gekommen ist. Ich war nicht wieder dort. Ich kann nicht wieder hingehen.

Stern: Und Sie haben nie mit Ihrer Frau gesprochen über die eigene Lagerzeit? Bubis: Nie. Bis heute nicht. Dabei war meine Frau fast die ganze Zeit im selben Lager in Deblin. Sie ist dann in Dachau befreit worden, war vorher noch in Ber- gen-Belsen. Bis heute weigert sich etwas in ihr nach Bergen-Belsen zu gehen. Und sie hat mir gegenüber bis heute nur eine einzige Bemerkung gemacht. 1995, als wir zur Feier50 Jahre Befreiung Da- chau fuhren. Auf der Fahrt vom Mün- chener Flughafen nach Dachau hat sie beiläufig gesagt: Du hast gar nichts er- lebt, Ignatz. Du warst nicht in Bergen- Belsen. Das war der einzige Satz, den meine Frau mir gegenüber jemals über diese Zeit verloren hat. Stern Aber mit Ihrer Tochter Naomi Ann haben Sie gesprochen? Bubis Nur einmal, als die amerikanische Holocaust-Serie lief. Wir haben aber nicht über das eigene Schicksal gespro- chen. Wie auch sollte ich meiner eigenen Tochter erzählen, wie würdelos man sich Selbst gemacht hat, wie würdelos man ge- macht wurde. Stern Warum sind Sie in Deutschland geblieben? Bubis: Ich habe nach dieser Antwort nie gesucht. Die einzige Frage, die ich mir heute stelle, ist: Wie hast du es 1945 über- haupt fertiggebracht, nach Deutschland zu kommen?

aus Der Stern. 3171909