30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
„WENN EINMENSCH GUT IST, KANNMAN DOCH NICHTS BOSES
UBER IHN SAGEN.“
(Otto Rosenberg über Eva Justin)
Otto Rosenberg: Das Brennglas
Rezension von Klaus Konrad-Tromsdorf
Er hat beide gut gekannt, den Dr. Rit- ter und auch die Eva Justin. 1936, kurz vor den Olympischen Spielen, wurden die in Berlin lebenden Sinti-Familien, auch diejenige Otto Rosenbergs, in einem Zwangslager in Berlin-Marzahn konzen- triert' Berlin war Zigeunerfrei' und im November 1936 nahm die Rasse- hygienische und Erbbiologische For- schungsstelle des Reichsgesundheits- amtes' unter Leitung des Direktors Dr. Ritter die Arbeit' auf.
Der 1927 geborene Otto Rosenberg, damals neun Jahre alt, fand die Justin „sehr freundlich, sehr lieb und sehr nett', durfte er sie doch an ihrem Arbeitsplatz im Anthropologischen Institut besuchen und vermeintlich harmlose Dinge tun (Perlen auffädeln, ein Geschicklichkeits- spiel spielen, eine Bildergeschichte er- zählen). Sogar zu ihr nach Hause durf- te er, in die Curtiusstraße, da kochte dann Eva Justins Mutter für ihn und er durfte in einem„Engelbettchen“ schlafen. Der Sinn dieser Arbeit' erschloss sich dem kleinen Otto nicht. Erst viel spãter nach- dem er Zwangsarbeit, Auschwitz Bir- kenau, Dora-Mittelbau und Bergen-Bel- sen überlebt hatte, verstand er, dass die Genealogie der Berliner Zigeunerfami- lien' an der Ritter und Justin arbeiteten, der systematischen Erfassung dieser
Menschen diente: Voraussetzung für de- ren Vernichtung.
Otto Rosenberg überlebte die Lager, ein Großteil seiner Familie nicht. Und während Ritter und Justin ihre Karriere im Nachkriegsdeutschland nahezu un- behelligt fortset?en konnten Ritter wur- de 1947 zum Leiter der Fürsorgestelle für Gemüts und Nervenkranke' und der Jugendpsychiatrie in Frankfurt/ Main be- Stellt, Eva Justin folgte ihm 1948 als Kri- minalpsychologin— schwieg Otto Ro- senberg. Bis 1995. Erst dann wollte er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben wissen. Ulrich Enzensberger, der dies be- sorgte, gibt Rosenbergs Worte original- getreu, das heißt. unbearbeitet, wieder. Einzig ein ausführlicher Anmerkungs- apparat dient dem genaueren Ausleuchten des historischen Umfeldes, für den Le- Senden absolut notwendig. So entsteht e0 ne dichte und authentische Beschreibung des Massenmordes an den Sinti und Ro- ma, der der Schriftsteller Edgar Hilsen- rath attestiert,„sie schließe eine Bil- dungslücke“.
Orto Rosenberg, Das Brennglas. Auf gezeichnet von Urich Enzensberger Fichborn Werlag Berlin, ISBN 36216 06404, 36 DM


