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(1999) 2/1999. Dezember 1999
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28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

wie das Werk der Vernichtung sich lang- Sam in Gang setzte. Da es ihm unmõglich war, Widerstand zu leisten, hat er sich wenigstens bemüht zu verraten und, wie er selbst schreibt, die Infamie durch das Bild zu fixieren. So würde das letzte Wort nicht Himmler gelassen werden: es wür- de Beweise der Geschehnisse geben; es würde Fotografien geben, um denen zu antworten, die versucht wären, später einmal den Genozid als Lüge oder als ei- ne Ubertreibung zu betrachten(S. 7).

Der 1997 gestorbene Joe Heydecker hat die von ihm heimlich angefertigen Fotos erst vierzig Jahre nach ihrer Ent- stehung publiziert. In einem ausführli- chen Beitrag schildert er die Umstände, die ihn dazu brachten, dieses für ihn nicht unbeträchtliche Risiko- das Fotografie- ren nämlich einzugehen. Gerade diese Schilderung ist es, die beklemmend deut- lich macht, daß sich der deutsche Mas- senmord an den Juden nicht in gleichsam geheimer Abgeschlossenheit vollzog ob es nun der alltãgliche Terror war, der sich um das Warschauer Ghetto herum ab- Spielte, oder ein Erlebnis, welches Hey- decker 1 943 hatte, als er in Berlin die De- portation einer jüdischen Familie mitansehen mußte, das Wissen um das, was geschah und geschehen würde- s0 Heydecker- war allgemein.

In Berlin war es die ebenfalls zu- Schauende Passantin, die in Gegenwart des ihr unbekannten Soldaten zu ihrer Be- gleiterin den Satz sagte: Die werden ooch vajast(S. 36), in Warschau die un- zähligen ZuschauerSoldaten aller Dienstgrade, auch Offiziere, dann oft deutsche Zivilisten aus der Verwaltung des Generalgouvernements, Sekretärin- nen, uniformierte Beamte, Arbeitsdienst, Bisenbahner, Rotkreuzschwestern(S.

22), die Heydecker zu dieser Finschät- zung brachten. Auch die Sonderbehand- lung' war- s0 Heydecker weiter nicht geheim, vielmehr war sie Gesprächsge- genstand:

Zu dieser Zeit(d.i. der Sommer 1942, K.-T.) sprach man in Warschau über die Vergasungen so offen wie etwa über die Kriegslage. Aus der deutschen Zivilverwaltung des Gouvernements Warschau erfuhr ich durch meine Frauh daß dort die Beamten, und eben bis her- ab Zur Sekretärin, ohne Umschweife von Auschwitz, Treblinka und der Liquidie- rung der Juden redeten, so beilãufig und gelegentlich, wie man im Dienstbetrieb oder in der Kantine irgendein anderes Ta- gesthema anschneidet und wieder fallen läßt... Es handelte sich also, wie sich abermals bestätigte, um ein offenes Ge- heimnis(S. 38).

Heydeckers Fotos, die er im War- schauer Ghetto gemacht hat, sind un- mißverständlich. Unmißverständlich, weil der Blick des Fotografierenden unmißver- ständlich ist: Es ist derjenige des Mit- fühlenden, des Mitleidenden. Heydecker erniedrigt' die von ihm fotografierten Menschen nicht durch die von ihm ge- wählte Perspektive; er bleibt auf uen 9 höhe' er nähert sich bewußt an. Dadurch verlieren seine Fotografien den rassisti- schen Voyeurismus, der sooft die jenigen charakterisiert, die von offiziellen' Foto- grafen hergestellt wurden: hier fotogra- fierte jemand, der das Sah, was alle sahen oder wenigstens sehen konnten und er fo- tografierte, um Zeugnis abzulegen'.

Wo das Wissen allgemein ist, ist auch das Schweigen kollektiv: Joe Heydecker hat nicht geschwiegen, seine Bilder spre- chen Dies macht ihren dokumentari- schen Wert aus.