26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
lanz Seine Analyse der Berliner Repu- blik ist das Kritischste und Scharfsinnig- ste, was zur gesellschaftlichen Verfas- sung und Wirklichkeit zu sagen ist. Keiner der politischen Repräsentanten, keiner der literarischen und kulturellen und kirchlichen Würdentrãger, die an der Verleihung des Friedenspreises ergriffen teilgenommen und dem Preistrãger Mar- tin Walser stehend applaudiert hatten, ist ihm gefolgt. Und in der aktuellen Kon- troverse um Walsers unsäãgliche Ausch- witzkeule“ wird die Erinnerung wach an den verfassungsrechtlichen Geburtsfeh- ler der Berliner Republik. Hier mit seinen Vorstellungen und Interventionen ge- Scheitert zu sein, empfindet Bubis als sei- ne größte Niederlage“ Ich habe damals darauf gedrängt, daß im Finigungsver- trag oder im Grundgesetz verankert wird, daß die Zeit des Nationalsozialismus ein Teil der deutschen Geschichte ist, daß Lehren für die Zukunft gezogen werden. Wir sind auf᷑ taube Ohren gestoßen Die heutige Politikergeneration möchte auf eine sanfte Walser-Tour das Ganze zurückdrehen.“
Was nottut, ist Bubis Worte ernstzu- nehmen und zu beherzigen:„Ich habe ge dacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber nein, ich habe fast nichts bewegt. Die Mehrheit hat nicht einmal kapiert, worum es mir ging“(Stern, 29. 7.99).
Zwischen diesen Beurteilungen der Lage in Deutschland 1994 und 1999 ist die Aufbruchstimmung der Wendezeit verflogen. Neue Wache, das Hin und Her um das Holocaust- Mahnmal, Wegsehen, Gewalttätigkeit gegen Minderheiten, Verstãndnis und Billigung für Walser und nicht zuletzt die empõrende und klãgliche
Weigerung der deutschen Wirtschaft, im besonderen der Industrie, ihre Schuld an- zuerkennen und angemessene Entschädi- gung an ehemalige Zwangsarbeiter zu zahlen wahrlich eine desillusionierende und sicher nicht vollstãndige Reihung der Geschehnisse.
Ignatz Bubis war einer der wenigen, der die moralisch Autorität und, wie sich in seinen letzten Außerungen bestätigte.
intellektuelle Kompetenz besaß, nutih
einzugreifen und Nein zu sagen.
Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer steht in der Tradition gemeinsamer Uberzeugun- gen. Wir werden dazu beitragen, daß Ver- gangenheit nicht verdrängt wird und die Toten. Verfolgten und die Uberlebenden nicht vergessen und abermals zu Opfern werden.
Ignatz Bubis hätte jede Zeile unter- schreiben können, mit der Adorno seinen Radio-Vortrag„Resignation“(1969) aus- klingen läßt. Duplizität der Ereignisse: Beiden kritischen Denkern, beiden Strei- tern gegen das Verdrängen ist vorgehalten worden, sie hätten resigniert. Dem erwi- dert Adorno:„Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, ver-
wehen. Aber es läßt sich nicht
daß etwas davon überlebt. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von an- deren gedacht werden: dies Vertrauen be⸗ gleitet noch den einsamsten und ohn- mächtigstn Gedanken.. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglũck bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern lãßt, der hat nicht resi- gniert.“
Albrecht Werner-Cordt


