Heft 
(1999) 1/1999. August 1999
Einzelbild herunterladen

Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9

Zur Bedeutung von Gideon Greifs Interview-Sammlung:„Wir weinten

tränenlos..

Auschwitz. Uberarbeitete Ausgabe,

Augenzeugenberichte des jüdischen„Sonderkommandos'? in Frankfurt/ M. 1999.

Von Andreas Kilian

Stimmen aus dem„Herz der Finsternis“

I.) Die jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau sind bis in die Gegenwart Thema zahlreicher Legen- 0 und Vorurteile geblieben. Nicht

zuletzt lag und liegt dies daran, daß man kaum etwas über das Innenleben dieses Arbeitskommandos und seiner Hãäftlinge wußte. Im Januar 1995 wurde erstmals ein Werk veröffentlicht, das die Brinnerungen von Uberlebenden des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau gesammelt vorleg- te und sich dieser Forschungslücke in der Historiographie des größten natio- nalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers annahm: Gideon Greifs vielbeachtetes Buch mit dem ausdrucksstarken Titel„Wir weinten trãnenlos..*.

Vermutlich nur 80 Häftlingen gelang es zu überleben- 80 von höchstens 2000 Männern, die zwischen Mai 1942 und Januar 1945 gezwungen wurden zur Arbeit im Kommando„der leben- den Toten“— s0 die Bezeichnung von Miklos Nyiszli, einem Pathologen und

hemaligen Häftling im Sektionskom- mando, in seinem Brinnerungsbericht „Im Jenseits der Menschlichkeit“. Ge- genwärtig leben noch zwischen 25 und 30 Sonderkommando-Häftlinge welt- weit. Von den 80 Uberlebenden haben nur etwa die Hälfte Zeugnis abgelegt. Von ihnen konnte Greif 21 interviewen. Ein Drittel der Befragten kommt in Greifs Buch zu Wort, das seit Januar 1999 in der überarbeiteten Ausgabe des Fischer Taschenbuchverlags vorliegt. Im Oktober 1999 wird ferner eine zwei- te überarbeitete und erweiterte Ausga-

be erstmals in hebräischer Sprache er- scheinen. Die restlichen zwei Drittel der gesammelten Aussagen warten bis- her noch vergeblich auf einen Verleger und auf ihre Erstveröffentlichung.

Das Sonderkommando und sein Schicksal

II.) Mit der Inbetriebnahme des er- sten Krematoriums im Stammlager Auschwitz am 15. August 1 940 entstand gleichzeitig ein Teilaufgabenbereich der Häftlingsarbeitsgruppe, die zwei- einhalb bis drei Jahre später in den neuerbauten Birkenauer Krematorien nur noch als„Sonderkommando' be- zeichnet wurde.* Im Juni 1942 bestand das„Kommando Krematorium“ aus drei polnischen und drei jüdischen Hei- zern, sowie aus fünf jüdischen Häftlin- gen, die als, nach ihrem Vorarbeiter Fischl benannten,„Fischl-Kommando? die Spuren der Vernichtungsaktionen beseitigen und die Leichen der Verga- sten zur Finäscherung vorbereiten mußten. Das„Fischl-Kommando' wur- de kurze Zeit später mit den Heizern des Krematoriums vereinigt und von der Abteilung Arbeitseinsatz der La- gerverwaltung unter dem Namen„Kre- matoriums-Kommando“ geführt. Von diesem Kommando überlebten nur zwei Häftlinge. Parallel dazu existierte seit Mai 1942 in Birkenau ein als„Begra- bungskommando' bezeichnetes reines Sonderkommando, das aus 200 bis 250 slowakischen Juden gebildet wurde, die in dem ersten provosorischen Verga- sungsbunker in Birkenau und zu drei

*) Zur Entstehung und Bedeutung des Begriffs„Sonderkommando“? siehe Abschnitt V.