Heft 
(1998) 2/1998. September 1998
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26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer

den Knochen von zu Hunderttau- senden ermorderter Menschen.

In Staszeks Block

Am Ostermontag ist es kalt. Wei- ßer Schnee hat das Lager plötzlich überzogen. Birkenau erscheint noch grausiger und noch scheußlicher. Wir gehen von der ehemaligen Kom- mandatur- heute eine Kirche- zum weißen Haus, wo die ersten Ver- gasungen stattfanden. Ich kann nur erahnen, kann mir nicht vorstellen, wie die Häftlinge in dieser Kälte und in dieser Nässe in ihren ge- streiften Anzügen gefroren haben müssen.

Auf dem Rückweg eine anrühren- de Szene. Stas?zek geht zu den Uber- resten von Block 5 der ehemaligen Unterkunft seines Arbeitskomman- dos. Hier ist in den Mauerresten im- mer ein Zettel mit seiner Adresse deponiert, eine Kerze steht daneben. Er schaut nach einer Nachricht ei- nes anderen ehemaligen Häftlings und hinterläßt selbst einen Gruß. Auch nach über 50 Jahren sind sie in ihrem Leid vereint.

Nachmittags nochmals in Klein- gruppen in das Stammlager zu den themen- und länderbezogenen Aus- stellungen. Viele Informationen, un- zählige Einzelschicksale, der Wahn- sinn des geplanten und systematisch durchgeführten Massenmordens. Drastisches Anschauungsmaterial wie das Modell eines Krematoriums, Berge von Koffern, Kämmen, Zahn- bürsten und schuhen der Ver- Schleppten und Ermorderten.

Am letzten Vormittag gehen viele der Reisegruppe nochmals in das

Stammlager. Ich habe genug gese- hen, fühle mich nicht mehr aufnah- mefähig. Ich verabschiede mich mit einem Spaziergang durch die Stadt und kaufe polnische Schokolade. Nach einem Gruppenfoto vor der Jugendbegegnungsstätte gemeinsa- mer Fußweg zum Bahnhof Oswie- cim und Antritt der langen Heimrei- se. Ich darf wieder nach Hause fah- ren. Die, wegen denen ich hier war.

mußten sich eine Fahrkarte für die&

Hinfahrt kaufen und durften nicht mehr nach Hause.

Wieder zurück in Deutschland

War es richtig, daß ich hier war? Es war richtig und wichtig für mich.

Bei allen Kenntnissen über die ge- schichtliche Entwicklung und die politischen Zusammenhänge, bei al- lem Wissen über die Struktur und das System des SSStaates- hier ist der authentische Ort. Hier habe ich die Opfer besucht. Hier habe ich ih nen meine Ehre erwiesen.

Ich bin voller Pindrücke nach Hause gefahren, voller Ahnungen, voller Gefühle. Die Vorstellung die- ses Wahnsinns ist kaum möglich, wahrscheinlich auch nicht so wich- tig, denn die Tatsachen waren auch vorher schon bekannt. Darüber kann ich in Zukunft wieder in- chern nachlesen, aber das Brlebte hätte ich nicht in den Büchern ge- funden.

Dazu beigetragen hat unsere Rei- seleiterin Karin mit dem Konzept ihrer Studienreise, das aus Besich- tigungen, Spaziergängen, Lesungen, Vorträgen, Texten und Filmen be- stand und das jedem aus der Grup-