6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
Studien des KZ-Hãäftlings Ernst Federn erscheinen im November
Versuche zur Psychologie des Terrors'?
Für November 1998 ist das Erscheinen des von Roland Kaufhold im Gie- ßener Psychochsozial-Verlag herausgegebene Bandes»Ernst Federn: Versu- che zur Psychologie des Terrors“ angekündigt(280 Seiten, ca. 38 DM). Damit sind dann alle psychologischen Studien des Wiener Psychoanalyti- kers und Sozialtherapeuten Ernst Federn zugänglich, schreibt Roland Kaufhold. Folgende Auszüge stammen aus seiner Finführung:
Ernst Federn wurde von 1938 bis 1945 von den Nazis wegen anti- faschistischen Betätigungen und sei- ner jüdischen Abstammung in Dachau und Buchenwald gefangen gehalten. Gemeinsam mit seinem Mithäftling Bruno Bettelheim ver- faßte Federn noch im Lager gedank- lich die Grundzüge einer Psycholo- gie des Terrors. 1945/46 schrieb er in Brüssel seine Studien'Versuch einer Psychologie des Terrors“ und Der Terror als System: Das Konzentrati- onslager' nieder.
Diese Arbeiten behandeln in sy— Stematisierender Form die Grund- merkmale und Methoden einer Psy- chologie der Fxtremsituation, die Federn mit dem Begriff des Terrors zu fassen versucht. Er unterscheidet hierbei zwischen physischer(Hun- ger, Durst, Uberarbeitung, Schlaf- entzug, körperlichen Mißhandlun- gen usw.) und psychischer Folter (Scheinhinrichtungen. Ermordung von Verwandten und Freunden, ständige Demütigungen, das Ge— zwungensein, selbst Gewalt gegen Mithäftlinge auszuüben sowie gegen eigene moralische Grundsätze zu handeln). Die Verknüpfung von physischem und psychischem Terror sind kennzeichnend für das System Konzentrationslager als'höchstent-
wickelte“ Form der zynischen Bar barei. EFine Barbarei, die auch nicht davor zurückschreckte, die Tendenz zur Anpassung an den Terror dazu einzusetzen, Gefangene'durch das infame Band der aufgezwungenen Mittäterschaft“(Primo Levi) als Unteraufseher zu mißbrauchen und Zynisch auszunutzen.
Federns Studie erregte auch des- halb Widerstand, weil er in ihr die These von der Kollektivschuld'“, ei- nes schlichten Gegenüber von Gu- ten und Bösen e n Opfern“ ablehnt. Er ist sich hierin unter anderem mit Primo Levi einig, der hierzu ausgeführt hat:'Pie Ver- mutung, ein abgefeimtes System, wie es der Nationalsozialismus war, Spreche seine Opfer heilig, ist nuin absurd und historischfalsch im 60 genteil- es deg radiert sie und vert leibt sie Sich ein, und zwar um s0 mehr, je disponibler die Opfer vind. je ahnungsloser, je weniger politi- Sches und moralisches Ristzeug vie hesitzen.(Levi: Die Untergegange- nen und die Geretieen Stattdessen liefert Federn eine sehr differenzierte Sicht auf das Innenle- ben des Lagers, das in gewisser Wei- se als gespenstischer, psychotischer Mikrokosmos das Abbild des totali- tären Großen Reiches' war.


