Heft 
(1998) 1/1998. April 1998
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 28

Begegnungen und Gespräche mit ehemaligen KZHãäftlingen

Fluchten aus Auschwitz

Fine Buchbesprechung

n von Joachim Proescholdt

Der Verfasser des 1996 erschienen Buches'Fluchten aus Auschwitz ist Kurt Rosemeier aus Sachsenhagen. In 38 Kapiteln beschreibt er anhand von Episoden, Interviews, tabellarischen Zusammenfassungen die Leidens- und Fluchtgeschich- ten von Menschen im Konzentrationslager Auschwitz.

Der Autor beläßt es nicht dabei, das vorgegebene Thema zu beschreiben. Zutiefst ist er beeindruckt von dem Schicksal der Betroffenen. Mit Ge schichten von Inge, dem'U-Boot', von Stella, dem'gefallenen Stern', von Ma- ruschka, der Tigerin, die nie in Au schwitz waren, führt Rosemeier in die

Welt nach der Machtergreifung durch die Nazis ein: eine Welt der

Diskriminierung, des Gehetztseins, des Sich-Gegenseitig-Belauerns,stellenwei- se aber auch eine Welt des persönlichen Mutes und der Hilfe für Ausgegrenzte. All das ist nicht in logischer Abfolge dargestellt. Es ist episodenhaft, streif lichtartig, mosaikhaft anhand persönli- cher Lebensschicksale aufgezeigt. Der

Leserschaft wird zugemutet, dieses Bruchstückhafte zu einem historisch

Gan?en zusammenzufügen. Die sehr sensibel ausgewählten, lebendigen Ka- pitelüberschriften reizen weiterzublät- tern, weiterzulesen. Allerdings entspre- chen die Inhalte mitunter nicht dem Reizwort' der Uberschrift, da zu dem Erzählten unvermittelt summarisch Fluchten benannt werden, die zwar dem Buchtitel entsprechen, aber wegen des fehlenden Zusammenhanges stö rend wirken.

Die Bedeutung des Buches liegt in den lebendigen Interviews mit ehemali- gen Auschwitzhäftlingen. Man erlebt das Frauma Auschwitz der Betroffe- nen, ob es Alfons, Barbara, Hermann, Mietek oder Pepi sind. Man spürt aber auch inneres Bewegtsein des Verfassers, der nicht in kühler, abgeklärt-histori-

scher Weise berichtet, sondern eigene emotionale Empfindungen mitschwin- gen läßt. Das Buch ist eine Mischung von Informationen, Erlebnisbericht, freundschaftlicher Begegnung und Be- troffenheit. Da viele derer, die ihre Lei- dens- und Fluchtgeschichte erzähen, nicht mehr am Leben sind, stellt das Werk ein wichtiges Zeitdokument dar. Hier schildern Menschen in bewegen- der Weise den Lageralltag, die Arbeits- qual, die Kebensgefährdung, den Hunger, die Uberlebensstrategien, ge- scheiterte und gelungene Fluchten, Widerstand und Verrat, die am eigenen Leib erfahrenen Grausamkeiten und mörderischen Handlungsweisen der 88. Das Buch berichtet über Liebe in Bir- Kenau und Massaker in Budy, über Ap pelle und Hinrichtungen, über mutige Häftlinge wie Pater Kolbe, Ernst Bur- ger oder Hermann Langbein, über Mör- der wie Höß, Aumeier, Baer oder Pa- litzsch. Das Buch erhebt keinen An- spruch auf umfassende Darstellung: Man vermißt Namen vieler Häftlinge, die Widerstand leisteten, Fluchten mit- planten und als Geheimnisträger trotz Folterqualen schwiegen. Man denke an Wladislaw Fejkiel, den Häftlingsarzt, an Stephan Boratynski und viele ande- re. Aber auch brutale SS-Männer wie Kaduk, Klehr, Baretzki oder Stark: Mordhelfer wie Gapesius, Mulka u a. fehlen; andere wie Boger, Grabner oder Dr. Mengele sind nur beiläufig er- wähnt. Die Lektüre von Rosemeier for- dert dazu heraus, tiefer, systematischer in die Problematik Auschwitz' einzu dringen. Hinderlich ist die Tatsache,