26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos in Birkenau
Inmitten des grauenvollen Verbrechens
„Rufe aus dem Jenseits“ 80 be zeichnet Wladyslaw Bartoszewski die in diesem Band zusammengestellten Aufzeichnungen von Mitgliedern des Sonderkommandos. Aufgabe des Son- derkommandos war es, Frauen das Haar abzuschneiden, es zu säubern, zu desinfizieren und zu trocknen, das Zahngold aus den Mündern der Ver- gasten zu brechen und einzuschmel- zen, den Opfern beim Auskleiden zu helfen, bei Erschießungen die De- liquenten festzuhalten, die Leichen zu verbrennen, die Menschenasche wegzuschaffen. Die Mitglieder des Sonderkommandos waren„Geheim- nisträger“ und wurden deshalb nach wenigen Wochen oder Monaten er- schossen und durch andere jüdische Hãäftlinge ersetzt.
Bis auf Stanislaw Jankowski, der am 13. April 1945 vor dem Bezirksge- richt Krakéw von seiner dreijährigen Tätigkeit im Sonderkommando be- richtete, sind sämtliche Verfasser durch die S8 ermordet worden. Ihre Namen: Lejb(Langfus), Salmen Gra- dowski, Salmen Lewental, Chaim Her- mann, Marcel Nadsari und ein unbe- Kannter Autor. Ihre Briefe, Tagebü- cher, Kommentare, Gedenkbücher und Berichte fand man in Feldfla— schen oder Gläsern versteckt, vergra- ben in Birkenau, zwischen Menschen- knochen, Asche oder unter Bahnglei- sen. Noch im Oktober 1980 wurde die schriftliche Nachricht des griechi- schen Juden Marcel Nadsari unter der Erdschicht in ungefähr 30 bis 40 Zen- timeter Tiefe bei den Ruinen des Kre- matoriums III entdeckt. Es sind er- schütternde Berichte über Familien- tragõdien, Erlebnisse vor den Gas- kammern und Krematorien, Aufrufe
zu Widerstand und Vergeltung, Nachrichten über die Ermordung von Freunden und Bekannten oder An- weisungen an die überlebenden Fami- lienmitglieder. So etwa die Aufzeich- nungen von Lejb(Langfus), dessen Aufzeichnungen im April 1945 gefun- den wurden, dann aber 25 Jahre, bis 1970, unbeachtet auf dem Dachboden der Auschwitzer Familie Borowczyk lagen, bis der jüngere Sohn, Wojciech. die Bedeutung der Schrift erkannte und sie dem Staatlichen Auschwitz Museum übergab. Lejb beschrieb die Verzweiflung seiner Frau:„Was be- deutet die Tatsache, daß ich selbst so elend sterben werde, daß meine Kno- chen keine Ruhe finden in Vergleich zu dem ungeheuren Unglück der Ver- nichtung meiner Kinder. Das ist das Entsetzlichste und Schrecklichste von allem, was eine Mutter im Leben tref- fen kann. Und dazu verlangen diese brutalen Mörder auch noch, daß ich selbst meine eigenen Kinder an den Ort des Massenmordens führen soll...“
In der Handschrift eines unbekann- ten Autors, im Sommer 1952 auf dem Terrain von Krematorium III aufge funden, wurden die Vorgänge im Be- reich des Sonderkommandos detail- liert notiert. Er schilderte das Verhal- ten der SSMänner, insbesondere der Chefs der Krematorien Mushfeld, Mol und Forst, deren Gnadenlosigkeit und Brutalität, Perversität und Gefühllo- sigkeit grenzenlos war. Er berichtete von tapferen, mutigen Menschen, die angesichts des Todes ihre Würde wahrten, den„Herrenmenschen“ die Wahrheit ins Gesicht schleuderten. Eine junge Polin hielt- schon in der Gaskammer-eine kurze, aber feurige Rede:„ das deutsche Volk wird s0


