Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
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Er hat ohne Rachegefühle und ohne Haß weitergelebt
Der Maler Stan Zak Kaminski war zu Gast im Erzählcafé
Er ist 71 Jahre alt und hat die Kraft der drei Geburten. 1925 kam Stan Zak Ka- minski auf die Welt, die es schon damals nicht sonderlich gut mit ihm meinte. Wahrscheinlich wurde er in Warschau ge- boren.„Zumindest steht das so in meinem Paß“, sagte er. Als uneheliches Kind sei er in seiner Familie„immer beiseite gescho-
ben worden“. Seine erste Geburt: war ein Erdbeben, eine Schande für ie.“
Kaminskis zweite Geburt:„Die war noch schlimmer als die erste“, sagte der heutige Kunstmaler. Am 15. April 1945 wurde der K-Hãftling in Bergen-Belsen von englischen Truppen befreit.„Ich war 80 kaputt, so müde, ich konnte mich dar- über kaum freuen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er fast fünf Jahre Leiden in deut- Schen Konzentrationslagern hinter sich. Er war zu Schwerstarbeit und zu medizi- nischen Versuchen gezwungen worden.
Nach der Befreiung mußte Stan Zak Ka- minski vier Jahre lang„als Mumie“ in einem Gipsbett liegen, weil„Wirbelsäule und Hüfte kaputt waren“ In dieser Zeit begann er zu malen,„um meine Alpträu- me zu bekämpfen“. Auf Anraten des be- handelnden Arztes in einem Sanatorium bei Warschau arbeitete er nachts, schlief
tagsũber. Das Malen habe ihm„das Leben wiedergegeben“, sagte Moderator Michael Fleiter vom Institut für Sozialarbeit. Als 15ähriger war Kaminski zu„lebenslan- gem Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwit?z“ verurteilt worden, weil er mit Schülern Flugblätter gegen die Nazischer- gen verteilt hatte. Außerdem hatten die Gymnasiasten in einem Versteck Unter- richt organisiert— was verboten war. Nach der Besetzung der deutschen Wehr- macht waren alle Gymnasien und Univer- sitäten in Polen geschlossen, Intellektuel- le und Juden verhaftet und deportiert worden. Daß Kaminskis Eltern Juden wa- ren,„Spielte keine Rolle. Ich wurde als po- litischer Pole verhaftet.“
In Auschwitz, wohin er im September 1940 deportiert wurde, mußte er zunächst in einer Kiesgrube arbeiten.„Ich war die Nummer 9784*, die ihm in den linken Un- terarm tãtowiert wurde. Wenig spãter sei er zur Arbeit im Krankenlager herangezo- gen worden—„zum Sandschippen. Wir hatten Essen, ein Bett“, erinnerte er sich und meinte: Das war fast Komfort.“
Aber: Kurz darauf,stellten wir fest, daß wir da waren, um Läusen unser Blut zu geben“. Die Baracke, die Betten waren mit Flecktyphus-infizierten Läusen ver- seucht. Zwei Drittel der Häftlingsgruppe starben. Nachdem Häftlinge die Betten von SS-Offizieren mit Läusen verseucht hatten, wurde der Versuch eingestelit.
Kaminski wurde nach Buchenwald, nach Mittelbau Dora(V2-Produktion), dann nach Bergen-Belsen verschleppt.
Nach dem Krieg war er Journalist beim Warschauer Nachterpress.„Ohne Haß“ schrieb er über Deutschland, was der Chefredaktion mißfiel. Er floh ins„Land der Täter“. Seit 1974 lebt er in Frankfurt, wo er in den 60ern als Zeuge der Anklage in den Auschwitz-Prozessen aussagte und feststellte, daß„ich ohne Haß und Rache- gefühle weiterleben konnte“ In Frankfurt „wurde ich zum dritten Mal geboren“ tin
Frankfurter Rundschau, 24. 6. 7996


