Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3
Wofgang Tiessen liest aus den Tagebüchern Victor Klemperers
Fine Kulturgeschichte der Katastrophe
Wolfgang Tiessen, Verleger aus Neu-Isenburg, wird am 6. November und æm 4. Dezember beim Monatstreffen der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freun- deskreis der Auschwitzer Passagen aus den Tagebüchern von Victor Klempe- rer lesen(Siehe S. 1). Die 1995 unter dem Titel'Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten? erschienen Tagebücher(Aufbau-Verlag) umfassen die Jahre 1933— 45. Bereits 1933 registriert Klemperer deutlich, wie sich Staat und Gesellschaft
0 nazistischen Zeitgeist auslieferten. Eintrag vom 21. Feb. 1933:*Seit erwa Urei Wochen die Depression des reaktiondren Regimentes. Ich Schreibe hier nicht Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung, Stärker, als ich mir zugetraut härte, Sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag Schlimmer wird. Und alles ist vtill und duckt vich(...) Am meisten herührt, wie man den Ereignissen so ganz hlind gegenübersteht,
wie niemand eine Ahnung von der wahren Machterteilung hat.*
Der 1881 als Sohn eines Reformrab- biners geborene Victor Klemperer war Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden. Er dozierte deutschnational und antizio- nistisch, hatte sich taufen lassen und am Ersten Weltkrieg als Freiwilliger teilgenommen, er war'ein fast typi- scher Assimilant“(Wolf Scheller in der Allg. Jüdischen Wochenzeitung).
Die Tagebücher dokumentieren, wie die Fxistenz der Juden ghettoi- siert wird, wie sie ausgegrenzt wer-
en, sich Nachbarn und Freunde ab- wenden, wie die Bedrohung und das Klima der Angst ständig wächst, wie ihnen Zug um Zug alles genommen wird, was bisher zu ihrer öffentlichen wie auch privaten Identität gezählt hatte. Die wirtschaftliche Not, die Furcht vor dem KZ, das Verschwin- den der jüdischen Nachbarn, die un- verhohlene Gier nach dem jüdischen Bigentum- was sich da in Dresden ab- Spielt, hat seine Entsprechung in ganz Deutschland“, skizziert Wolf Scheller die Situation in einer Besprechung der Tagebücher Klemperers, der sich
einmal als'Kulturgeschichtsschrei- ber der Katastrophe? bezeichnete.
Ich notiere nur das Gräßlichste, nur Bruchstücke des Wahnsinns, in den wir immmerfort eingetaucht sind“ schrieb er und notierte am 31. Mãärz 1933:
Am Dienstag im Universum-Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabhe noch, und vein wenig Sympathisches Mdd- chen. Es war am Abend voy der Boy- Kottankiindigung. Gesprdch, als eine Alshergretlame lief Er. Figentlich vollte man nicht heim Juden Kaufen.“ Sie. Es ist aber vo furchthar billig. Er. Mann ist es schlecht und hält nicht. Sie, überlegend, ganz Sachlich, ohne alles Pathos. Nein, wirklich, es ist genau vo gut und haltbar, winklich ganz genauso wie in christlichen Ge- Schäften und S0 viel billiger.“ Er- Schweigt.- Als Hitler, Hindenburg erc. erschienen, Llatschte er begeis- tert. Nachher beidem gdnzlich ameri- kanisch jazzhandischen, Stellenweise deutlich jüdelnden Film Klatscht er noch hegeisterter.“


