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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
vEinblick': Gewaltaufruf der Neo-Nazis
WIESBADEN. Harmlose Handwerker bei der Mittagspause oder ein Späh- trupp von Neonazis? Argwöhnisch beob- achtet ein Wiesbadener Unternehmer die zwei Männer, die seit 20 Minuten vor seinem Haus in einem Auto sitzen „und andauernd zu mir rübergucken“ Der 29jährige ist mißtrauisch und läßt äußerste Vorsicht walten, seit sein Na- me samt Adresse und Telefonnummer in der rechtsradikalen Hetzschrift„Der Einblick“ veröffentlicht und in dieser Terror-Broschüre zur Gewalt gegen ihn und andere aufgerufen wurde. Sie sind den Rechten ein Dorn im Auge, weil sie in der Vergangenheit stets engagiert Neonazismus und Ausländerhaß be- kämpft haben. Keiner der Wiesbadener, die solchermaßen von den Neonazis be- droht sind, ist darũber in Panik geraten. Aber ein„mulmiges Gefühl“ haben sie alle. Zumal einige bereits Telefonanrufe erhielten wie:„Heute abend wird dein Auto brennen“ und„Ihr roten Ratten werdet bald verschwinden“.
Betroffen in Wiesbaden sind rund ein Dutzend Männer und Frauen: Kleine Unternehmer, Gewerkschafter, Linke. „An unübersichtlichen Ecken gucke ich mich jetzt zweimal um“ erzählt einer von ihnen,„or allem abends.“ Ein an- derer nimmt„häufiger mal ein Taxi“ oder wechselt mehrfach in der Woche die Route zwischen Büro und zu Hause. „Finige gehen spätabends nicht mehr allein durch die Stadt“ berichtet ein Be- drohter. Sie haben die Telefonnummern untereinander ausgetauscht,„um uns gegenseitig zu warnen, wenn's bei ir- gendeinem von uns losgeht“
Für ihre Sicherheit müssen sie weit- gehend selbst sorgen, Polizei und Lan- deskriminalamt beließen es bei ein paar „Hinweisen zur Erhöhung des Eigen- schutzes gegen mögliche rechtsextremi- stische Aktionen“ Erste Verhaltens- empfehlung:„Entwickeln Sie ein gesun- des Sicherheitsbewußtsein. Teilen Sie verdãchtige Wahrnehmungen unverzüg- lich Ihrer zuständigen Polizeidienststel- le mit.“ Weitere Tips der Behörden: „Offnen Sie keinem Unbekannten“ oder „Untersuchen Sie vor Benutzung Ihre Kraftfahrzeuge auf mögliche Beschädi- gungen /Sprengsätze.“ Diese und ähnli- che Vorschläge nennt einer der Betrof-
fenen wenig hilfreich:„Banale Tips, da- zu reicht der gesunde Menschenver- stand.“
Auf Polizei und Staatsschutz sind die Wiesbadener ohnehin nicht gut zu spre- chen, gegen die jetzt die„Anti-Antifa Rhein-Main“ mobilisiert hat. Seit Som- mer sei es bekannt, daß Rechtsradikale in Mainz über ein Info-Telefon Informa- tionen über mißliebige Antifaschisten (rechte Lesart:„militante Linksextremi- sten und kriminelle Startbahnchaoten“) sammelten.„Niemand ist dagegen ein- geschritten.“ Schlimmer noch. Die Poli- zei habe indirekt Verständnis für den rechtsradikalen Gewaltaufruf bekundet. Einigen von ihnen sei nämlich von den Beamten beschieden worden:„Ihr wer- det schon wissen, warum ihr auf der Liste steht.“
Ihren Widerstand gegen Neonazis und die Republikaner, die bei den Kommunalwahlen im März mit 13,1 Prozent der Stimmen Einzug ins Par- lament der Landeshauptstadt hielten, und ihr Engagement für ein harmoni- sches Zusammenleben von Ausländern und Deutschen wollen die bedrohten Wiesbadener unvermindert fortsetzen. Auch wenn sie erschreckt sind darüber, „daß sich die Rechten offenbar eines großen Gewaltpotentials sicher sein können, das sie nur zu mobilisieren brauchen“.
Die Hatz im„Einblick“ sei mehr als nur verbale Kraftmeierei. Einer der Be- troffenen konnte da bereits schmerz- hafte Erfahrungen sammeln. Das war vor sechs Jahren, als er und seine Be- gleiter in seinem Auto von Rechten zu- sammengeschlagen wurden.
„Man muß nüchtern und besonnen bleiben“, sagt der Gewerkschafter, „Sonst könnte man diese Bedrohung nicht ertragen.“ Ein anderer versucht, „nicht immer nur an mich selbst zu denken“ Denn sehr viel gefährlicher als für ihn sei es„für einen Farbigen, abends in einem Bus zu sitzen“
MARGITFEHLINGER
Frankfurter Vundschau 14d. 12 1905 Cberschrift Unbeirrt im Wderstand“


