Heft 
(2020) 2/2020. Dezember 2020
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8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Nachruf auf Ruth Klüger Ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien*

Ruth Klüger 2013 bei einer Lesung in Darmstadt. Foto: Marlene Broeckers

Ihre Liebe zur Literatur, ihr über- zeugter Feminismus, ihre klugen und wichtigen Gedanken zur Frinnerungs- kultur, ihr großes und vielfältiges lite- raturwissenschaftliches und autobio- grafisches Schaffen- all das muss und wird hoffentlich von Ruth Klüger dau- erhaft im Gedächtnis bleiben. Am 6. Oktober 2020 ist sie im Alter von 88 Jahren verstorben.

Keinesfalls wollte sie ausschließ- lich als Holocaust-Uberlebende gese- hen werden. Die Beschränkung auf diese Rolle würde der renommierten

und weltweit bekannten Literaturwis- Ssenschaftlerin und Autorin auch in keiner Weise gerecht., Jch Komm nicht von Auschwilz hen ich stamm aus Wien!, hat sie selbst immer wieder be- tont. Aufgrund ihrer Erfahrungen un- ter anderem als Uberlebende des Ghettos Theresienstadt und des Kon- zentrationslagers Auschwit?z und viel- mehr noch aufgrund ihrer Reflexionen und Uberlegungen zum Brinnerungs- diskurs über den Holocaust war sie jedoch eine der wichtigsten und bedeutendsten Stimmen in der Litera- tur sowie im Brinnerungsdiskurs der Gegenwart. Bequem wollte sie nicht Sein und sollte auch das Gedenken an den Holocaust nicht sein.

Erinnerung ist immer unverdaulich Dass Frinnerung und Gedächtnis generell nie unkompliziert und störungsfrei' sind und erst recht nicht in Bezug auf den Holocaust, das hat Ruth Klüger immer wieder betont und anhand ihrer vielfach ausgezeichneten und eine sehr breite Leserschaft errei- chenden autobiografischen Schriften belegt.Erinnerung ist immer unver- daulich. Es Mernscht eine Kluft zwi- Schen jenen Umständen, in denen man die Kindheit und die ersten Jahre da- nach verhrachte, und dem Heute. Da giht es Keine Brücke, man weiß nicht, wie man von dem einen Zustand zum anderen gelangte, erklärte sie etwa