Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1
Sieben Pakete für Lodz
Brinnerung an Besuche in Polen in den Jahren 1982 und 1986
In den 1980er Jahren kaufte die Lagergemeinschaft mit den Einnahmen aus Spen- den und Mitgliedsbeiträgen Lebensmittel und organisierte Hilfstransporte nach Polen zu den ehemaligen KZ-Häftlingen und Kameraden von Vereinsgründer Hermann Reineck. 1982 begleitete Monika Held, Journalistin und Mitglied unse- res Freundeskreises, einen der Hansporte und berichete in einem der damaligen Mitteilungsblätter über eine Station in Lodz. Vier Jahre später folgte ein Bericht über einen weiteren Besuch in Lodz(in Schreib weise vor der Rechtschreibreform).
Wir stellen die Lastwagen am Bahnhof ab, nehmen zwei Taxis und fahren die Lebensmittel und die Klei- dung direkt zu den Menschen, für die sie bestimmt sind. Zwei Pakete sind für Amsel Cymerman. Hermann kennt ihn nicht, weiß nur, daß es ihm schlecht geht. Wir halten in einer schmalen Straße vor einem alten Haus. Seinen Namen finden wir im Durchgang zum Hinterhof. Fin düste- res Treppenhaus, die Farbe blättert von der Wand, es ist feucht. Es wirkt unbewohnt. Finige Wohnungstüren sind mit groben Brettern vernagelt. Ob da einer wohnt? Auf unser Klop- fen hin hören wir schlurfende Schritte. Die Tür wird einen Spalt breit geöff- net. Wir stehen einem rundlichen, klei- nen Mann gegenüber, der auf dem Hinterkopf ein Käppchen trägt, das der orthodoxen Juden.
Hermann stellt sich vor, erklärt un- seren Besuch, sagt, wir Auschwitzer müssen doch zusammenhalten. Der Mann guckt fassungslos auf die beiden Pakete. Für mich? Ihr habt dabei an mich gedacht? Er kann es nicht be— greifen, freut sich, schüttelt immer
wieder ungläubig den Kopf. Das ist wirklich für mich? Kommt rein!
Ich sehe, wie Hermann vor Schreck die Luft anhält. Diese Wohnung ist ein einziges Chaos! Aus den Schränken quillt Wãsche und Geschirr. Auf dem Fußboden, dem Bett, den Stühlen, dem Tisch, stapeln sich wild durcheinander Decken, Kissen, Teller, Tassen, Bücher, vergilbte Zeitschriften und eine Un- menge von Pantoffeln. Amsel Cymer- man ist Schuhmacher gewesen. Die Wohnung war seine Werkstatt.
Freude, Scham und Narben Er fordert uns freundlich auf, Platz zu nehmen, aber wir wissen nicht, wo. Er schaufelt zwei Stühle frei und setzt sich auf sein Bett. Erstrahlt, und seine Freude beschämt uns. Was wir ihm bringen, ist wenig. Kaffee, Iee, Ol, ein bißchen Reis-Dinge, die wir jeden Tag übrighaben könnten. Und für das bißchen, was wir ihm bringen, will er uns beweisen, daß er wirklich gelitten hat. Möchten Sie meine Narben se- hen? Oh, nein, bitte nicht, Hermann winkt ab. Die tiefsten Wunden sind doch die, die man nicht sieht. Der alte Mann nickt. Man sieht es nicht, aber


