Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8
geblieben. Das war mein schönstes Weihnachten und ich träume heute noch davon. Und wenn ich vor dem Christbaum bei meiner Tochter stehe, dann sehe ich nicht den Baum, sondern meine drei Russinnen. Ich weiß bis heu- te nicht, wer sie waren. Kein Mensch weiß es. Ich spreche auch mit nieman- dem darũber. Es ist mein Heiligtum. Und alle diese Dinge haben Dir Hoffnung gegeben. Da hast Du Dir gesagt, die können Dir alle nichts an-
haben. Du schaffst es. Du glaubst ja nicht, zu welchen Hilfsmitteln man greift. Ich persönlich habe mich ein— fach in Fräume eingesponnen. Da konnte um mich passieren, was wollte, das habe ich gar nicht wahrgenom- men. Finfach abschalten, den Weg zu sich selber suchen. Aber das Ganze hatte auch eine sehr negative Seite. Du hast es schwer mit dem Umfeld, mit Dir selber, Dich bei anderen wieder einzufinden.“„
Lieselotte Thumser-Weil hat sich gegen den Willen ihres Vaters, eines über- zeugten Nazis, als Krankenschwester ausbilden lassen. In einem Heim hat sie danach behinderte Kinder betreut. Als sie sich weigerte, diese für die Hrans- porte in die Euthanasie-Todesanstalten„versandfertig“ zu machen, wurde sie als Krankenschwester an die Ostfront dienstverpflichtet. Zuvor hatte sie in ihrem Geburtsort Schwäbisch Gmünd bereits jüdischen Nachbarn zur Fucht in die Schweiz geholfen. Während eines Heimaturlaubes half sie Zwei aus dem K?Z Dachau geflohenen Häftlingen, ein Versteck zu finden. Dies flog auf und Lieselotte wurde ins KZ Ravensbrück deportiert.
In dem Interview mit Jutta von Freyberg und Ursula Krause-Schmitt(iehe Seite 1) berichtete Lieselotte sehr ausführlich über die Konflikte mit ihrem Na- zi-Vater und viele weitere Stationen ihres Lebens. Nun würdigte Ursula Krau- se-Schmitt erneut Hieselottes Widerständigkeit gegen die Euthanasie-Verbre- chen und das gesamte Nazi-Deutschland in einem Beitrag, der im aktuellen Heft der vom Sudienkreis Pelscher Widerstand 7053. 104 in Frankfurt herausge- bebenen„Informationen? zu finden ist; es ist die Nr. 86, November 2017.
Die let?zten Jahre ihres Lebens wohnte Lieselotte in Frankfurt/ Main. 1992 hat ihr die Stadt die Johanna-Kirchner Medaille verliehen. Sie erzãhlte uns spã- ter, dass sie nur wenige Minuten vor der Ubergabefeier eine Begegnung hatte, die ihr mindestens ebenso wichtig war, wie die Aus?eichnung selbst: Lieselotte hatte sich verspãtet und musste ein Taxi nehmen. Als die junge Taxifahrerin das Ziel hörte, fragte sie, ob da nicht die Verleihung stattfindet, über die gerade im Radio eine Nachricht gebracht wurde. Lieselotte bejahte und beantwortete auch einige weitere Fragen. An der Paulskirche angekommen, stellte die Fah- rerin das Taxometer auf Null und sagte sich verabschiedend, sie würde sich schämen, wenn sie von Lieselotte Fahrgeld annehmen würde(iehe Nachruf im Mitteilungsblatt August 1995). Hans Hirschmann


