Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
gerplat? einen Christbaum hatten oder nicht, das war für mich ohne Belang und ohne Findruck, sonst hätte ich es behalten.
Plõtzlich, es war schon dunkle Nacht, kamen drei Frauen in Rupfensäcken und mit einer Kerze, die hat gebrannt, und sie sangen auf russisch Weihnachts- lieder mit so viel Kraft. Ich habe in meiner Baracke gekniet und nur nach den Gesichtern ge— guckt, die Hränen liefen mir übers Gesicht. Das dauerte zehn Minu— ten, mehr nicht. So heimlich, wie sie gekommen waren, gingen sie wieder. Ob sie noch zu weiteren Blocks gegangen sind, weiß ich nicht. Zehn Minuten herrliche Klänge, wunderschön. Uberall Zerstörung, alles kaputt, überall Elend, Du selber bist ausgehun- gert: Da stehen nun drei Men- schen und bringen Dir eine Freu- de-für mich war das das Licht des Lebens. Wenn die drei Frauen
beim Klauen des Rupfensackes er— wischt worden wären, wären sie er-
*— „— 2
1
—
——
—
. ——
— V
—
Lieselotte bei der Auseinandersetzung um den Börne-Platz in Frankfurt am Main im Jahr 1987. (Foto: Studienkreis Deutscher Widerstand)
schossen worden, wenn sie erwischt worden wären, wie sie sich die Kerzen beschafft haben, wären sie erschossen worden, wenn sie nach zehn Uhr auf der Lager- straße erwischt worden wären, wären sie erschossen worden oder mindestens in den Bunker gekommen.
Und wenn Du all diese Dinge zusammenzählst: diese drei Frauen riskierten das, nur um anderen Hoffnung zu ge- ben und Freude. Gibt es etwas Schöneresꝰ? Ich habe später mit
Lieselotte und Hermann Reineck, 1996 bei der Feier von Hermanns 75. Geburstag in Laubach.
meinen Kindern Weihnachten gefeiert. Aber das ist Schablone


