Heft 
(2014) 2014. Dezember 2014
Einzelbild herunterladen

48 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Irritierende Erinnerungen und Beobachtungen

Neuer Drang nach Osten

Die Polin? habe die kranke Mutter des Bauern nicht nur sehr gut, sondern auch Schr aufopferungsvoll gepflegt. Das hätten eigene Kinder nicht besser machen kön- nen. Dies war eine der wenigen Erzählun- gen meiner im Jahr 1921 geborenen Mut- ter über das Leben in unserem Porf in der Südpfa wãhrend des Dritten Reiches.

Daran erinnerte ich mich, als ich die Kolumne Weltmeister im Opa-Exports? von Mlan Posner in der Jages?Zeitung Die Welt las. Er berichtet aus dem polnischen Dorf Zabelkow bei Kattowitz,w0 Schon das Zweite Heim ſir deutsche Alle ent- vehnt, und bringt die Vergangenheit ins Spiel:Dass die Deluschen nun als De- mente nach Oberschlesien zuriickkehren, das sie infolge eines Anfalls von Massen- demenz verloren haben, mag man aus welthistorischer Warte s0 bemerlenswert inden wie die Vatsuche, duss sich alsge- rechnet Polen der hinftilligen Angehörigen eines Volks annehmen, das vich einmal al Nerrenrasse halluzinierte Sie mun das in Zabelko ind andersmo allen Berichten zuſfolge mit einer Hingabe, die man allzu oft in deluchen EFinrichtungen vermisst.*

Ausschlaggebend ist der Preis: 1300 Buro koste dort ein Einzelzimmer mit Vollpflege, unabhängig von der deutschen Pflegestufe.Da Kann Kein deutsches Atersheim mithalten. Da muss man der Oma ihr Klein Hduschen nicht verkloppen, im der Oma ihre Pflege zu bezahlen. 45 nach Polen, nach Ungarn, Vchechien oder in die Sowulcei, und die Vemicherung deckt die Kosien.*

Posner will dabei weder den Unter- nehmern, die dortAkfhewahrungsunstal-

ten flir delusche Alte hauen, einen Vor- wurf machen noch den deutschenAn- gehörigen eines pflegebedirftigen Alen, die Keine Mõglichkeit sehen, die Diſferenz zwi- Schen Vewicherungsleistungen und Pflege- Kosten in einem deluschen Heim aufalu hringen. Und er fährt fort:Wäre ich 60 weit, ich wirde vielleicht velbst meinen Ah- wunsport in den Obten hefiirworlen.?

Posner schließt seine Kolumne mit ei- ner ebenso provokanten wie naheliegen- den Schlussfolgerung:Dem Philosophen Michel Folucuult zufolge erkennt man das Selbstverstindnis einer Gesellschaft an dem anderen', das es aussondert, etwa Wahnsinnige und Verbrechen Hinzu Kom- men jetzt die Alten. S0 definiert sich Meluschlund al rational ordnungsliebend ind jung.?

Und da kommt mir wieder die Erzäh- lung meiner Mutter von der polnischen Zwangsarbeiterin in unserem deutschen Dorf anno 1940 folgende in den Sinn. Und auch, dass seit Jahrzehnten Frauen aus Po- len und anderen osteuropäischen Län- dern für mehrere Monate abwechselnd nach Deutschland kommen, um für rela- tiv wenig Geld deutsche Alte in ihren Wohnungen zu versorgen und zu beauf- Sichtigen.

Da kann auch schon mal vorkommen, was mir eine polnische Freundin erZãhlte: Als ihre Jochter, die sich so um einen Deutschen kümmerte, diesem erzählte, dass ihr Vater Häftling in Auschwit? war, wollte er sie nicht mehr um sich haben und Zwar gan?z eindeutig nicht aus Scham oder aufgrund von Schuldgefühlen.

Hans Hirschmann

*Die Bezeichnung Zwangsarbeiter' war damals nicht opportun. ** Kolumne: Naccuse. Alan Posner, Weltmeister im Oma-Fxport?, Die Welt, 24. Oktober 2014