Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17
denen ich Kontakt zu Menschen hatte, die von einer unvorstellbar schreck- lichen Zeit erzählen können. Die auf der einen Seite grausame, unmenschliche Geschichten, auf der anderen Seite auch hoffnungsvolle oder sogar lustige Ge- schichten zu erzählen haben.
Beispielsweise interviewten wir Frei- willigen für das Audioguide-Projekt einen Mann, der von seiner Zeit in der Widerstandsorganisation Armia Krajo- wa berichtete, aber auch von der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Er erZãhlte von einer Stadt, die ganz anders ausgeschen hat, die von den Deutschen komplett Zerstört wurde und dann wie- der aufgebaut werden musste.
Fin anderes mal, als mich meine Mutter und Verwandte besuchte, begeg- neten wir auf der Straße einer Frau, die uns etwas über Warschau erzãhlen woll- te. Sie sprach von den Angriffen und vom Warschauer Aufstand, wie ein Split- ter sich in ihr Bein bohrte. Zum Schluss zeigte sie uns, wo sie wohnt und ent- Schuldigte sich, dass ihre Wohnung gera- de nicht aufgeräumt sei und ihr ein Tee- Besuch unangenehm sei.
Und mit dem Herrn Jozef K. sprach ich oft über diese Zeit. Fünf Jahre musste er im Konzentrationslager Sachsenhau- sen Zwangsarbeit unter grausamen Be- dingungen leisten. Zusammen verfassten wir eine deutschsprachige Rede, die in kürze seine Zeit während des Zweiten Weltkrieges schildert. Da ich in der Schu⸗ le eine Facharbeit Zu dem doch neueren Film„ Die Flscher? verfasst hatte, fragte ich ihn, ob er etwas darüber wisse. Und er Sagte, dass er die Maschinen sah, als sie ankamen, dass er und noch weitere Hãft- linge sie sãubern mussten.
Wrden Sle velber helte noch einmal die gleiche Entscheidung für einen Po- lenaufenthalt treffen und wus wrden Sie evtl. anders machen?
Ich kann nur betonen, dass ich in die- sem Jahr die beste und interessanteste Zeit meines Lebens hatte. Jederzeit wür- de ich diesen Aufenthalt wiederholen. Vielleicht bin ich dann auch ein wenig fleißiger, was das Lernen der Sprache betrifft. Denn erst bei der„leichten“ Verständigung macht es unheimlich Spaß, die Stadt Zu erkunden und mit an- deren Leuten zu reden oder einfach nur zu zuhören.
Wie glauhen Sie wird Mhr einjdhriger Finbatz in Polen Finfluss auf Mhr weiteres Tehen haben?
In Polen habe ich viele nette und in- teressante Menschen getroffen, die ich später auf jeden Fall wieder treffen möchte. Die Stadt ist mir ans Herz ge- wachsen und das Arbeitsumfeld gefiel mir auch. Demnächst werde ich dann al- ler Voraussicht nach ein Studium in Ge- schichte und slawischen Sprachen, Kul- turen, Literaturen- mit Polnisch beginnen. Das Jahr hat mich darin nur bestätigt und mein Interesse an der ost- europäischen Geschichte noch weiter gestärkt.
Welche EFmpfehlungen würden Sie der deutschen Kegierung als Ihrer heuiti- gen Sicht in Bezlug auf die Polenpolitik mit auf den Weg geben?
Es lãsst sich feststellen, dass sich in der let?ten Zeit echt viel verbessert hat. Der heutigen schwarz-gelben Regierung in Deutschland würde ich raten, ganz schnell eine klarere Position, zum(oder gegen!) den Bund der Vertriebenen und der Präsidentin Frika Steinbach zu be- zichen.
Aber eine Empfehlung an eine Re- gierung Zu geben, halte ich für nicht so re- levant. Wenn Nationalstaaten in ihrem eigenen Interesse handeln, dann gibt es eben Differenzen, ob sie nun klein sind oder noch größer werden..


