Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7
fenes Haus“ führte. Besuch aus Polen war oft wochenlang zu Gast und Menschen, vor allem junge Leute, die Auskunft über Auschwitz begehrten, gaben sich ebenfalls die Klinke in die Hand:„Der Schlüssel steckte an der Tür, und wenn man kam, waren im- mer Leute da, und wenn man ging, waren bereits wieder andere da. Es war ein internationales Flair in die- sem Haus“, s0 Neidhart Dahlen, der mit seiner Frau vor allem in den 80er Jahren bei der Zusammenstellung der Hilfstransporte mit Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischen Geräten eng mit Anni und Hermann zusammenarbeitete.
Die Nachricht von Annies Tod er- reichte uns am Abend des Oster-
montages. Obwohl wir alle von ihrer schweren Krankheit wussten, waren wir überrascht. Trõstlich erscheint da, dass sie sich noch an ihrem Todestag etwas gegönnt hat, als sie mit einer neuen Freundin zum Essen ausgegan- gen war.„Immer denke ich, dass ich wieder mal bei Anni vorbeischauen könnte, obwohl ich weiß, dass sie nicht mehr lebt“, wundert sich Els— bieta Stamm über sich selbst. So wie ihr geht es vielen. Mit Anni Roß— mann-Reineck haben wir eine Freun- din verloren und denken oft melan- cholisch daran, wie sie schimpfen würde, weil ihr dies und jenes nicht passen würde.
Hans Hirschmann
Dem Grauen standhalten
Schön und tröstlich ist es, von Freunden verabschiedet zu werden. Doch:„Es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht(und) ihm standhält“ (Adorno).
Anni Roßmann-Reineck hatte diesen Blick, Augen, die das Grauen gesehen und in den nächtlichen Attacken und täglichen Heimsuchun- gen ihres Mannes, des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Hermann Reineck, miterlebt hatten. Dieser Blick auf uns, die Jüngeren gerichtet, ist die letzte Brinnerung an Anni.
Anni wusste, wie dunkel nicht nur die Nacht ist. Sie war eine belesene ei- ne kritische Zeitgenossin, die ihr so- ziales und politisches Engagement ge- gen eine Gesellschaft ausgebildet hatte, die Auschwitz verleugnet oder
als vergangene schreckliche Episode abgetan und letztlich einem feierli- chen Gedenken überantwortet hatte. Sie erkannte die Zeichen von Auschwitz im Bestehenden. So war sie zunehmend schroff, unduldsam, alles andere als eine Botschafterin des stil- len Gedenkens an Auschwitz in Zeiten der Versöhnung. Aber in der abwei- senden, ironischen Art, in der sie in der Brinnerung vor uns steht, wird spür- bar, auf welch zarte und verletzliche Weise sie den anderen, den Opfern, den Ermordeten, zugetan war, derer Sie Ssich annahm.
Albrecht Werner-Cordt
(aus der Rede des Vorsitzenden der La- gergemeinschaft Auschwitz- Hrelindes- Kreis der Auschwitzer bei der Jrauer- ſeier in GCamhach am 20. April 2004)


