Heft 
(2004) 1/2004. Juli 2004
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8

Mitbegründerin der Lagergemeinschaft Auschwitz starb am 12. April

Anni ist tot

Wer Anni kannte, wusste um ihr Durchhaltevermõgen und ihren Ehr- geiz, sich nicht unterkriegen, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen. Resignation war nie ihre Sache-zZwar konnte sie unmäßig stur und unein- sichtig sein, was vorübergehend auch an Verbitterung grenzen konnte, aber zu resignieren, das entsprach nicht ihrem Charakter. Selbst als ihre ge- sundheitlichen Probleme sowie per- sönliche Enttäuschungen und Aufre- gungen in den letzten Jahren ihr im- mer mehr Kraft abforderten, überwog ihr Wille, nicht klein beizugeben und nicht in Tostlosigkeit zu verfallen.

Vor rund einem Jahr haben wir sie dann aber doch fassungslos vorgefun- den. Damals als Funktionäre von Arzte- und Kassenverbänden sowie Politiker vorschlugen, die Kranken- kassenausgaben dadurch zu vermin- dern, dass für Menschen über 80 Jah- re die Kosten für lebensverlängernde medizinische Versorgungen, wie bei- Spielsweise Dialyse, nicht mehr über- nommen werden sollten.Sind wir wieder soweit, war Annis Kommen- tar- und der klang nicht wie früher empört und entrüstet, sondern kraft- los und deprimiert. Die Brinnerung an die Nazi-Ideologie vomlebens- unwerten Leben und die darausfol- gende mörderische Praxis war ihr- die sie drei mal pro Woche zur Dia- lyse ins Krankenhaus musste- sehr gegenwärtig.

Zwar verschwand dieser Vor- schlag wieder aus der öffentlichen

Debatte, aber er scheint Annis Ver- trauen grundsätzlich erschüttert zu haben. Rückblickend fällt auf, dass sie damals ihren Fernseher, der ka- putt gegangen war, nicht mehr repa- rieren ließ. Sie wollte und konnte wohl auch nicht mehr das forsche Ge- rede der mediendemokratischen Mei- nungsmache ertragen. Und auch in ihrer Tageszeitung schien sie nur noch die Lokalseiten zu lesen.

Ohne Anni hätte es die Lagerge- meinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer nicht gegeben. Zunächst wäre ohne sie Hermann Reineck nicht von Wien in die Rhein- Main-Region übergesiedelt. Und zweitens war sie ihm unverzichtbare Stütze und Mitstreiterin, als er der treibende Motor war, der zusammen mit anderen ehemaligen Häftlingen, wie beispielsweise Janus? Mlynarski, nach österreichischem Vorbild unse- ren Verein gründete. Die Solidarität mit den Uberlebenden und die Erin- nerung an die in den Konzentrations- lagern, Gestapo-Gefängnissen und im Widerstand gegen Nazi-Deutschland ermordeten Kameraden waren die Beweggründe für dieses Engagement. Uber Auschwit? darf kein Gras wachsen, lautete die Finstellung für die auch bei den Nachgeborenen dar- um geworben wurde, sich gegen Fa- schismus, Rassismus und Fremden- feindlichkeit Zu engagieren. Politische Bildung und direkte, materielle Hilfe zu organisieren, das waren und sind